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Abstecher zum Salmon Glacier
Der Salmon Glacier, der fünftgrößte Gletscher der Welt, liegt luftlinie nur einige Meilen westlich vom Highway 37 - um ihn zu erreichen,
muß man jedoch erst mal 65 Meilen weit nach Stewart an die Küste fahren, sich dabei in einem großen Bogen vom Gletscher entfernen, muß hinter Stewart die Grenze nach Alaska überqueren und von dort aus rund eine
Stunde lang auf übelster Schlaglochpiste wieder in die Richtung zurückfahren, aus der man auf der anderen Seite des Höhenzuges gekommen ist. Eine Spitzkehre von rund 90 Meilen Länge, hin und zurück fast ein Tag
Fahrt, und das nur für einen Gletscher...
„Lohnt sich denn dieser Umweg?“ fragen wir daher an der Meziadin Junction den 69jährigen Al Larson, der vor einem halben Leben dem
„Wahnsinn“ seiner Heimatstadt Vancouver den Rücken kehrte und seitdem ein kleines Besucher-Informationszentrum am Highway 37 betreibt. „In den letzten vier Jahren haben 28.000 Touristen den Umweg gemacht, und keiner
hat es bereut!“ antwortet Al knapp. Und schon die Wegbeschreibung, die er uns mitgibt, zeigt: Man macht den Abstecher durchaus nicht allein des Salmon Glaciers wegen.
Der ganze Highway nach Stewart ist gesäumt von blau leuchtenden Gletschern, umschlichen von geisterhaften Nebelschwaden, die aus moos- und
flechtenverfilzten Urwäldern und wuchtigen Felskonstruktionen hervorquellen. Turmhohe Eismassive kalben in graue Gebirgsseen, ihre Eisschollen treiben an der Straße entlang wie gläserne Schiffe. Gigantisch
aufgetürmte Schneeklumpen überdauern hier auch den wärmsten Sommer. Besondere Attraktion ist ein jedes Jahr wiederkehrender, wie von Menschenhand geformter Trichter, sein oberer Ausläufer klemmt dünn wie ein
Gebirgsbach in einer Felsrinne und häuft sich davor zu einem überhängenden geometrischen Körper, wuchtig wie ein mehrstöckiges Haus. Rätsel gibt ein kleiner, einsamer Waldfriedhof auf: Zwischen den Gräbern ragen
Dutzende von Verkehrsschildern in den Himmel, weiße Dreiecke mit rotem Rand: Vorfahrt gewähren - auf einem Friedhof? Den Sinn dieser Beschilderung des Wards Pass Cemetery kann niemand so recht erklären, weder in
Stewart noch an der Meziadin Junction.
10.000 Einwohner haben einst in Stewart gelebt. Heute sind es nur noch knapp 800, doch wie eine sterbende Stadt wirkt Stewart nicht: Eine
große neue Schule und ein tadelloses Krankenhaus finden sich zwischen hübschen Einfamilienhäusern inmitten sauberer Straßen. Stewart hält gleich zwei Rekorde. Es verfügt über den nördlichsten eisfreien Hafen und
liegt an der Spitze des längsten Fjords im Staate Kanada. An diesem Fjord, dem Portland Canal, überquert man auch die Grenze nach Alaska. Kontrolliert wird, egal in welche Richtung man fährt, nur auf kanadischer
Seite; denn die Straße endet am Salmon Glacier, es gibt nur einen Weg zurück: über Stewart.
Ein krasser Kontrast zu der aufgeräumten kanadischen Stadt ist die Ortschaft, die gleich hinter der Grenze folgt: Hyder hat sich selbst zur
freundlichsten Geisterstadt Alaskas ernannt und damit ihren Charakter treffend beschrieben. Typisch amerikanische Urigkeit paart sich hier mit liebenswert-romantischem Verfall. Über die weitverzweigten Staubstraßen
traben herrenlose Pferde, blechern scheppern die Kuhglocken an ihren Hälsen. Nur der Grenzstau ganzer Konvois lastwagengroßer Campmobile stört das Bild einer verlassenen Goldgräberstadt.
Die Piste von Hyder zum Salmon Glacier führt entlang des Bear Viewing Trail. Zwischen Biberburgen und mäandernden Flußarmen kann man hier
im Juli den Bären beim Lachsfang zusehen - im Gegensatz zu manch anderem Beobachtungspunkt sogar kostenlos. Bald verläßt die Piste den Fluß, und es geht steil hinauf zum Gletscher. Auch hier tummeln sich Bären, in
jedem Sommermonat und mitten auf der Straße. Tief unten in der Schlucht weist der steingraue Gletscherbach den Weg, kobaldblaue und schwarzbraune Tümpel daneben liegen wie hingetupft zu einem unvergleichlichen
Farbenspiel.
Nicht weit hinter der Premier Mine wird der Blick frei auf den Salmon Glacier. Wirkt dieser entfernte Ausläufer des zentralen Eisfeldes
schon wie ein breiter Strom, die blaugrau gewundene Fläche verbreitert sich, je weiter man der Piste folgt, zu einem wahren Meer gezackter Formen. Doch selbst im Sommer dürfen sich die wenigsten glücklich schätzen,
bis auf Höhe des Eisfeldes vordringen zu können. Straßenabbrüche, entwurzelte Baumstämme und meterdicke Schneefelder behindern, je höher die Piste sich windet, immer mehr das Fortkommen - und irgendwann geht es auch
für Geländefahrzeuge nicht mehr weiter. Staunend steht man am Rande des fünftgrößten Gletschers der Welt. Und wäre man auf Winter eingerichtet, am liebsten würde man weiter marschieren zum Ursprung seiner eisigen
Gewalt.
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