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DREI DER LETZTEN ZEITZEUGEN ERINNERN SICH
AN DAS KRIEGSENDE 1945 „Man wird hart, aber verhärtet nicht“
Sechs Jahrzehnte sind es, daß in Deutschland ununterbrochen Frieden herrscht. Die meisten Deutschen haben nie in ihrem Leben die
Erfahrung gemacht, durch Waffengewalt bedroht zu sein und Familienangehörige und Freunde dabei zu verlieren – während anderswo auf der Welt unzählige Menschen unmittelbar von Krieg und allen seinen Folgen betroffen
sind.
Wolfgang Siegel, Siegfried Schlegel und Helmut Starosta gehören zu den wenigen heute lebenden Deutschen, die einen Krieg als Soldaten
mitgemacht und überlebt haben. Blutjung waren sie 1945 im Mai: 24, 21 und 18 Jahre alt – der Lebensweg eines jeden von ihnen war mehr als einmal bedroht gewesen, unterbrochen zu werden, und die Richtung vor und nach
jenem 8. Mai bestimmte der Krieg.
Irrwege
Ob geographisch oder menschlich betrachtet, der Krieg machte aus den Lebenswegen Irrwege. Bei Wolfgang Siegel ging es über die vollen sechs
Jahre so: Geboren 1921 in Chemnitz, wurde er im November 1939 eingezogen, kam am Westwall in der Eifel zum Einsatz, dann in Lüttich, Eupen, Nantes. Von Frankreich aus ging es nach Rumänien, Bulgarien, Griechenland
und schließlich Rußland, wo er verwundet wurde und das Wolhynische Fieber bekam. Kaum in der Heimat zurück und vom Fieber genesen, wurde er nach Italien versetzt. Erst als er dort in Kriegsgefangenschaft geriet,
hatte die Odyssee ein Ende. Noch heute ist Wolfgang Siegel fast jede Ortschaft des langen Weges durch Europa im Gedächtnis, verbunden mit Datum und Dauer des Aufenthaltes.
Grausamkeiten
Unvergessen sind auch für Siegfried Schlegel die Stationen seines Kriegseinsatzes – und die Grausamkeiten, deren Zeuge er unterwegs wurde.
Schlimmer noch als unter Bomben und Granaten litt der gebürtige Dresdener unter den Lebensumständen. Eingepfercht auf einem Waggon, hatte er während seiner Kriegsgefangenschaft einmal sechs Tage ohne Wasser
durchzustehen – danach trank er sechs Liter auf einmal. Doch schon als Soldat seien die Verhältnisse katastrophal gewesen, zuweilen habe man monatelang seine Uniform nicht wechseln können, die grünen Kragen seien
weiß gewesen von Läusen. Seine Erfahrungen mit Ungeziefer hat er in Gedichten verarbeitet, die unerwartet leicht und humorvoll klingen. Denn wer überleben will, so hat Siegfried Schlegel erfahren, muß auch in
schlimmster Verzweiflung heitere Gedanken pflegen.
Verletzungen
Und er muß das schier Unmögliche wagen. Helmut Starosta, geboren 1927 in Marienburg in Westpreußen, sollte zum Jagdflieger ausgebildet
werden, aber wurde, als die Russen die Reichsgrenze überschritten, als Fahnenjunker an die Oderfront, Abschnitt Oderbruch-Seelow, geschickt, wo blutige Kämpfe mit hohen Verlusten tobten, und geriet danach in den
Häuserkampf um Berlin. Mehrfach wurde er von Granatsplittern verletzt, und in den letzten Kriegstagen setzte ihn ein Kniedurchschuß außer Gefecht. Mitten im Chaos des Endkampfes erreichte ihn ein Brief seiner
Mutter, die es nach der Vertreibung aus dem deutschen Osten nach Nittenau in der Oberpfalz verschlagen hatte. Helmut Starosta verließ das Lazarett am 4. Mai und machte sich auf den Weg – knapp 500 Kilometer zu Fuß,
und das mit zerschossenem Knie. Rund 20 Kilometer schaffte er am Tag, dreieinhalb Wochen war er unterwegs.
Kriegsende und Neuanfang
Am 27. Mai erreichte Helmut Starosta Nittenau und wurde von seiner Mutter mit einer großen Schüssel Kartoffelsalat, Kaffee und Kuchen
empfangen. Nicht der 8., sondern dieser 27. Mai wurde sein persönlicher Feiertag, denn erst mit diesem Tag waren auch für ihn die Leiden des Krieges zu Ende. Doch der Neuanfang gestaltete sich hart. Wie allen
Vertriebenenfamilien war auch den Starostas alles genommen worden, aus dem Nichts heraus galt es, sich eine Existenz aufzubauen.
Siegfried Schlegel kam nach dreijähriger Kriegsgefangenschaft zunächst zurück in seine Heimat Sachsen. Die kommunistischen Strukturen, die
sich da schon herausgebildet hatten, erinnerten ihn allzu sehr an die Methoden, mit denen er aufgewachsen war. Er fühlte sich abgestoßen davon, wie das neue diktatorische Regime die Menschen in Beschlag legte und
umerzog, er entschied: So etwas will ich nicht mitmachen. Siegfried Schlegel floh in den Westen.
Wolfgang Siegel war gar nicht erst zurück nach Sachsen gegangen. Auch ihm mißfiel das diktatorische System. Zudem wußte er, daß die Russen
Offiziere der deutschen Wehrmacht, die in die sowjetisch besetzte Zone heimkehrten, sofort nach Sibirien deportierten, selbst wenn sie die Kriegsgefangenschaft bei den Amerikanern schon hinter sich hatten.
Nachwirkungen
Krieg und Kriegsende sind weit weg und spielen im heutigen Alltag keine Rolle mehr, sagen Helmut Starosta, Siegfried Schlegel und Wolfgang
Siegel einstimmig. Auch die Alpträume, die Russen kommen zu sehen und nicht weglaufen zu können, hätten längst aufgehört. Natürlich habe man sich verändert: „Man wird durch den Krieg hart, aber verhärtet nicht für
immer.“ Im Schützengraben sei keine Zeit gewesen für Trauer; die Tränen, die damals ausblieben, vergießt man heute schon mal bei einem traurigen Film. Helmut Starosta, der viele Kameraden sterben sah, hat dadurch
Ehrfurcht vor allem Leben gelernt – auch vor der kleinen Maus in seinem Keller, die er lebend fängt, statt Fallen aufzustellen.
Während die meisten ihres jeweiligen Jahrgangs in Massen dahingerafft wurden, haben Wolfgang Siegel, Helmut Starosta und Siegfried Schlegel
überlebt – Schicksal oder Zufall? Statt weltanschaulicher Aussagen erzählen sie kleine Geschichten, die nachdenklich machen, ohne Erklärungen zu bieten. Von Helmut Starostas Fahnenjunkerlehrgang starben 440 von 500
Kameraden – warum war er unter den 60 Überlebenden? „Ich hatte schon immer ein inniges Verhältnis zu meiner Mutter“, erinnert er sich. „In gefährlichen Situationen sagte ich mir: Ich darf nicht umkommen, das
übersteht meine Mutter nicht. Und meine Mutter betete während des ganzen Krieges diesen einen Satz: Der Helmut kommt wieder heim!“
„Es gibt eben Geschehnisse, die wir nicht verstehen und erklären können“, meint dazu Siegfried Schlegel. „Bei einem Angriff lag ich mit
einem Kameraden in einem Deckungsloch. Bei einer Explosion warf ich mich auf ihn, und als der Splitterregen vorbei war, sagte er zu mir: Ich stehe nie wieder auf. Obwohl ich auf ihm gelegen war, hatte er unter mir
einen Lungendurchschuß erlitten und starb, während ich nicht einen Tropfen Blut verlor.“
Es sind solche Erinnerungen, die verhindern, daß der Krieg aus der Distanz zum Abenteuerurlaub verklärt wird. Zum Krieg der Gegenwart haben
die Veteranen eine klare Einstellung: „Das ist nichts anderes als Mord und Totschlag. Krieg muß es nicht geben. Wir haben andere Möglichkeiten, Konflikte zu lösen.“
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