Manfred Köhler
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Von Cincinnati nach Bedford

Cincinnati, in seinem Zentrum eine reizvolle und unbedingt sehenswerte Stadt, verabschiedet Highway-50-Reisende mit den gleichen traurigen Bildern, mit denen sie begrüßt wurden: Niedergerissene Zäune begleiten die Straße, ausgeplünderte Autowracks, Sperrmüllhaufen unter rostigen Brücken und wuchernde Industrieanlagen. Auffallend viele Diner-Betreiber haben in dieser Gegend am Ohio River ihr Geschäft aufgeben müssen. Einer der nicht nur durchgehalten hat, sondern ein blühendes Restaurant sein eigen nennt, ist Nick Kurlas. In seinem Cleves Drive-In Family Restaurant in Cleves beschäftigt er 30 Mitarbeiter, und die Speisen, die hier serviert werden, sind so schmackhaft, daß eine russische Olympiamannschaft dem Küchenchef aus Begeisterung sogar ihre eben gewonnene Medaille verliehen hat.

Von Cleves Drive-In ist es nicht mehr weit bis zur Grenze nach Indiana. Qualmende Schornsteine bestimmen auch in diesem Bundesstaat zunächst das Bild. Erst hinter Aurora wird es wieder ländlicher, und bei Elrod, endlich, verliert die Route 50 ihren Autobahncharakter. Auf dem Weg nach Versailles liegt ein Straßenverkauf für bunt bemalte Betonfiguren, die in dieser Gegend Amerikas einen ähnlichen Stellenwert haben wie in Deutschland die Gartenzwerge. Armeen von Rehen, Bären und Hasen sind aufgereiht, aber auch allerlei absonderliches Getier steht als Kaufanreiz am Straßenrand. Hügelig ist das Land geworden, der Highway schlängelt sich durch dichten Mischwald bergauf und bergab. Wo es wieder flacher wird, beleben Felder mit Heuballen, Farmen, Teiche, Alleen und kleine Baumgruppen das Bild; nur die immer häufiger in die Landschaft gerammten Silos stören die Idylle. North Vernon, ein entzückendes historisches Örtchen, das viele Baustile vereint und mehr Seele hat als manche bekannte Stadt mit klangvollem Namen, ist die erste echte Western Town am Highway 50.

Das genaue Gegenteil ist Seymour. An der Kreuzung der 50 mit der 65, einer der wichtigsten Nord-Süd-Achsen in Indiana, hat sich eine Großstadt-Peripherie um einen Ortskern gebläht, der im wesentlichen aus einem kurzen Straßenstück besteht. Auf dem Weg nach Brownstown dominieren die Silos, und großräumige Felder drängen den Wald zurück. In einer ausgedehnten Baumschule stehen Laub- und Nadelbäume, nach Arten sortiert, in Reih und Glied am Straßenrand. Auf langen Geraden zunächst, dann kurvenreich um flache Hügel gewunden, führt der Highway 50 durch Mini-Ortschaften, die auf keiner Karte eingezeichnet sind, nach Bedford, das sich, wegen des Kalksteins, der hier abgebaut wird, selbst zur "Limestone-Welthauptstadt" ernannt hat.