Manfred Köhler
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Von Crafton nach Parkersburg

Wenige Meilen hinter Crafton liegt der schönste Aussichtspunkt, den die Route 50 in West Virginia zu bieten hat: Hügel bis zum Horizont, darüber verstreut Baumgruppen und Büsche, kleine Farmhäuschen und Holzschuppen, Feldwege furchen sich durchs Land, schwarze Kühe kleben wie Fliegensprenkel an der Weide, und die Kuppen der Hänge kuscheln sich unter eine dichte Laubwald-Decke. Ein perfektes Voralpen-Idyll - wäre das Land nicht zergliedert durch Stacheldrahtzäune und Telegraphenmasten mit kreuz und quer über die Weiden gespannten Kabeln.

Vor Bridgeport wird der Highway 50 für seinen gesamten restlichen Weg durch West Virginia zur Autobahn. Clarksburg, die erste größere Stadt seit Washington, liegt mit ihren hohen Häusern inmitten bewaldeter Hügel. Das Zentrum, das mit seinen über lange Strecken geraden, sich steil auf- und abschwingenden Straßen an San Francisco erinnert, erreicht man von der Route 50 aus auf einer Ausfahrt, die mitten durch ein Parkhaus führt. Wie Clarksburg, so ist auch das wenige Meilen westlich gelegene Salem mit seinem aus bis zu 200 Jahre alten Häusern künstlich errichteten Fort Salem einen Abstecher von der Autobahn wert.

Vorbei an Morgansville, Smithburg, Greenwood, Ellenboro, Nutters Farm und Murphytown führt der Highway 50 nach Parkersburg, einer auf den ersten Blick unansehnlichen, stellenweise stark verfallenen Stadt, die jedoch in ihren Wohngebieten ganze Straßenzüge sehenswerter Villen verbirgt. Ungewöhnlich für eine amerikanische Stadt mit rund 30.000 Einwohnern: Es gibt eine Actors’ Guild, eine Schauspielervereinigung, die ein eigenes Theater mit 267 Sitzplätzen betreibt. Auf dem Ohio River, dem Grenzfluß zum Bundesstaat Ohio, vor dessen Hochwasserlaunen Parkersburg sich mit einer meterhohen Mauer schützt, begegnen Schaufelraddampfer schmuddligen Lastkähnen. Voll verblüffender Gegensätze stecken auch manche Menschen in dieser Stadt: Bestattungsunternehmer und Hobbykoch Steve Tatman zum Beispiel scherte nach fast 30 Jahren des Umgangs mit Verstorbenen aus dem Familienbetrieb aus, um Küchenchef im eigenen Diner zu werden.