Manfred Köhler
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Von Winchester nach Crafton

Von Winchester aus durch ganz West Virginia bis zum Ohio River folgt der Highway 50 dem Northwestern Turnpike, einer mehr als 150 Jahre alten Ost-West-Passage über die Allegheny Mountains. Den Charakter einer Handelsstrecke hat auch die Route 50; statt der Pferdekutschen früherer Tage arbeiten sich heute dröhnende Trucks über Hunderte von Serpentinen durch die weithin unberührte Wald-Wellen-Welt der Berge.

Trucker sind es auch überwiegend, die in Bear’s Mountaintop Family Restaurant einkehren, vor dessen Mauern man einen grandiosen Rundumblick über die Hügelketten genießen kann. Was die Bewohner auf dem Weg von hier über Augusta und Romney nach Gormania aus der traumhaft schönen Gebirgslandschaft gemacht haben, fügt sich allerdings nur selten ins Bild. Tierchen und Figürchen, kitschiger als der albernste deutsche Gartenzwerg, verschandeln die Aussicht oft nicht weniger als verfallene Scheunen oder Sperrmüllhalden am Straßenrand.

Wo keine Menschen siedeln, windet sich der Highway durch dichten Mischwald. Wie die Fingerspitzen eines Greifarms bohrt sich hier ein Stück Maryland in den Staat West Virginia, flache Hügel sind ineinander verwachsen, umschlingen sich, und die Straße liegt für ein weites Stück frei inmitten einer elenden Kahlschlagfläche. Zurück in West Virginia, faltet sich die Route 50 wieder in Serpentinen. Orte wie Erwin oder Fellowsville sind rasch durchquert und wieder vergessen. Eine einsame Strecke: Wald, Wald, Wald, dazwischen Cool Springs Park, eine Rastanlage, die mit alten Eisenbahnwaggons, einer Kutsche und allerlei Kitsch ebenso unwirklich wirkt, wie die riesigen Reklameschilder, mit denen sich Crafton ankündigt.

Ein Fremdkörper inmitten urwüchsiger ist Natur ist dieses Städtchen am Tygart-Staudamm vor allem wegen seines Überhangs an Motels, Tankstellen und dem üblichen Fastfood-Einerlei; die alte Gebäude muß man suchen, aber hat man sich erst einmal näher mit der Geschichte des Ortes befaßt, entdeckt man manch bemerkenswertes Detail. So nimmt es Crafton für sich in Anspruch, der Ursprungsort des Muttertages zu sein. Auf eine traurige Besonderheit macht ein Gedenkstein am westlichen Ortsrand aufmerksam: Unweit einer Eisenbahnbrücke fiel am 22. Mai 1861 im Feuer der Konföderierten der erste Unionssoldat des Bürgerkrieges.