Manfred Köhler
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Ausflugsziele

Von Washington nach Winchester

Über gleichmäßig aufgeworfene Buckel, die an Darstellungen sich schlängelnder Seeungeheur erinnern, führt die Route 50 an schmucken Backsteinhäuschen in parkartigen Gärten aus Washington heraus. Der Highway ist hier eine Autobahn mit ganztägiger Rush Hour. Auf dem Weg nach Fairfax drängt sich, als Bezeichnung für die Dichte an Supermärkten, Tankstellen, Fast-Food-Restaurants und Motels, für die Menge an Landverbrauch für diese alle größeren Städte umzingelnden Einkaufs- und Verzehrmeilen, erstmals der Begriff "Speckgürtel" auf. Auch ungewöhnlichere Einrichtungen finden sich hier, zum Beispiel eine Tierklinik, die auf einem überdimensionalen Werbeschild behauptet: "Love ist a four legged Word" - Liebe ist ein Wort mit vier Beinen.

Mehrmals wechselt der Highway auf dem Weg durch Virginia seinen Charakter: von Landstraße zu Autobahn und wieder zurück zu gut ausgebauter zweispuriger Piste. Vielfältig ist auch die Landschaft, durch die sich die Straße schlängelt oder streckt. Industrie-Tristesse ist die Seltenheit, es überwiegen Wälder und Felder, Kühe grasen vor alten Farmhäusern, und zuweilen führt der Highway 50 durch romantische Alleen mit Laubkronen, so dicht ineinander verwachsen, daß sie grünen Tunnels ähneln. Die Dörfer und Städtchen am Wegesrand sind weit mehr als nur nett anzuschauen: Sie bergen mit teils jahrhundertealten Mühlen, Scheunen, Wohnhäusern oder Steinbrücken sehenswerte historische Schätze, und von Aldie und Middleburg über Upperville hin zu Paris haben sie alle ihre ganz speziellen Bürgerkriegsanekdoten überliefert. Von Touristen geschätzt wird die Region wegen ihrer Weingüter und reichen Jagdgründe ebenso wie als Sprungbrett zum Wandern in den Blue Ridge Mountains.

In Winchester, der ersten größeren Stadt seit Fairfax, stehen zwar etliche Läden leer, ein Bummel durch die Fußgängerzone aber lohnt dennoch. Zwei Geschäfte sollte man unbedingt besuchen: den Snow White Grill, in dem Inhaber Dave Grim seine köstlichen Grimburger brät, und Brill’s Barber- and Musicians-Shop, den einzigen Frisörsalon an der Route 50, in dem man, mit ein wenig Glück, nach dem Haarschnitt vom Barbier mit Live-Musik verabschiedet wird.