Manfred Köhler
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Von Austin nach Carson City

Wo beginnt der Wilde Westen, wo endet er? Wo ist er am rauhesten, urigsten, wo entspricht er am meisten den Erwartungen des Europäers? Der Highway 50 taucht in Missouri ein in Cowboy- und Indianerland, folgt den Spuren der Siedler über die Rocky Mountains, durch Stein- und Salzwüsten, aber nirgends entspricht das Land typischen Wild-West-Klischees so sehr wie im Osten Nevadas. Steinchen um Steinchen vervollständigt sich zwischen Austin und Carson City ein grandioses Westernmosaik: zerschellte Planwagenräder im Wüstenstaub, ausgebleichte Longhornschädel, an denen Fetzen mumifizierten Fells kleben.

Die Besiedlungsdichte zwischen Austin und Fallon ist derart gering, daß mickrige Raststationen wie Middlegate sogar auf State Maps als Ortschaften auftauchen. Dayton und Virginia City sind dagegen richtige Städte, urig-verlottert die eine, aufgemotzt-urig die andere. Sie wie auch Nevadas Hauptstadt Carson City waren einst typische Westerntowns, jede der drei aber hat sich seitdem komplett anders entwickelt: Virginia City zur verkitschten Fassade, hinter der das Andenken- und T-Shirt-Geschäft blüht, Dayton zur potentiellen Geisterstadt und Carson City zur gesichtslosen Metropole ohne Atmosphäre - die letzte große Enttäuschung in der Reihe von Städten, deren Namen nach Wild West klingen, die aber ganz und gar nicht mehr danach aussehen.

Von hier ab schlängelt sich die Route 50 durch dichten Wald hinauf zum Lake Tahoe, es heißt Abschied nehmen von der Prärie. Was jetzt auf dem Weg nach Westen noch folgt, sind Massentourismus in den Bergen, Dauerstau hinunter ins Flachland und dann Autobahn bis San Francisco.