Manfred Köhler
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Von Jefferson City nach Kansas City

Irgendetwas ist anders an Land und Luft und Himmel jenseits von Jefferson City. Diese unüberschaubaren Grashügel mit ihren Pferden und Kühen, diese Koppeln mit ihren grobklotzigen Zaunlatten, diese Weite bis zum Horizont - unvermittelt fügen sich alle Details zu einem Ganzen, und man erkennt darin den Wilden Westen.

Erste Cattle Guards, Metallroste, über die kein Rind sich wagt, unterbrechen klaffend die Zäune, wo vom Highway abzweigende Wege zu den Weiden führen. Aufgegebene Häuser wirken in diesen Präriegründen verlassener als andernorts. Wo Schienen den Highway begleiten, ist der Unterschied überdeutlich: Der Bahndamm windet sich nicht in Wiese und Wald verborgen unter den Schwellen, er zieht sich wie ein Wall durch ein Land, das offener ist, weiter und rauher ist, struppiger als noch wenige Meilen zuvor. Hölzerne Telegraphenmasten entlang der Straße springen hier plötzlich ins Auge - gab es sie auch im Osten schon?

Jede Ortschaft am Weg hat hier ihr eigenes Profil. In Syracuse ist die komplette Einkaufsstraße dem Untergang preisgegeben, wie man hört, weil ein einzelner Mann sämtliche Geschäfte zum Aufgeben gezwungen hat. Krasser Gegensatz wenige Meilen weiter: Wie ein Ufo auf Stelzen beherrscht in Sedalia ein silberner Wasserturm die Innenstadt mit ihren wunderschönen Westernstadt-Ziegelhäusern. Autobahn ist die neue 50 in dieser Gegend; der alte Highway liegt ringsum in Fetzen: Mal nimmt er Anlauf, schwingt sich in die Höhe wie eine Startrampe und endet blind vor einem Zaun, dann wieder ahnt man nur mehr seine Trasse unter wucherndem Gras.

An Orten wie Dresden, La Monte und Knob Noster geht es ebenso vorbei wie an Warrensburg und Pittsville; mag sein, daß die Zubringer von der Autobahn in die Orte hinein am Leben gelassene frühere Abschnitte Highway 50 sind. Der Verkehr ist hier schon großstädtisch wild und dicht, das Land bleibt wellig unter niedrigen Bäumen, wird zum Park, zur Prärie, wieder zum Wald und entartet schließlich zum Vorstadt-Dickicht. Wo Kansas City beginnt, die Stadt, von der man sich so viel Western-Atmosphäre erhofft, im Gewirr von Autobahnen, Supermärkten, Fast-Food-Ketten und Motels läßt es sich nicht einmal ahnen.