Manfred Köhler
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Würste, Kraut und Dynamit

"Eat!"

Zwar bin ich in der Tat in den Saloon gekommen, um meinen knurrenden Magen zu füllen; aber dieses Essen hätte ich freiwillig nie bestellt: Drei Knackwürste, wuchtig wie Keulen, krümmen sich auf mehreren Pfund kalten, rohen, völlig ungewürzten Sauerkrautes. Und als würde das nicht schon reichen, den nächsten Tag auf dem Campingklo zu verbringen, gibt es als Beilage eine Schüssel extrascharfen Senf. Dabei ist es nicht einmal so sehr das ätzend sauere Kraut in Kombination mit dem Senf, was mich schaudern läßt - es ist der Gedanke daran, auf welche Weise diese fünffache Portion auf den Teller gekommen ist.

Mit unterschiedlichen Erwartungen betraten wir an diesem Vorabend des Unabhängigkeitstages den alten Saloon in Eureka, einer Minenstadt in der Mitte Nevadas. Klaus erhoffte sich urige Fotos; mir stand der Sinn nach Spare Ribs mit Baked Potato. Klaus sollte bekommen, was er wollte; ich bekam erst einmal, ohne es bestellt zu haben, ein Bier. Denn Klaus hatte bereits die amerikanische Standardfrage beantwortet: "Where do you come from?" Und auf die Standard-Antwort war sofort mehrstimmig der Standard-Gegenausruf erklungen: "My Grandpa was born in Germany!" Und ein solcher Zufall muß, vor allem am Vorabend des Unabhängigkeitstages, erst einmal begossen werden.

Natürlich hat auch Phil, der Saloonbesitzer, deutsche Vorfahren. Nur: Er läßt es mit einem Bier nicht bewenden - fährt vielmehr das Beste auf, was Küche und Keller zu bieten haben. Aber vorher müssen wir den Saloon besichtigen. Der Fußboden, Baujahr 1873, wird ausgiebig bestaunt. Auch die Toiletten, eher neueren Datums, ringen uns einige Worte der Bewunderung ab. Als wir dann noch in den mit allerlei Gerümpel überfrachteten früheren Tanzsalon geführt werden, kennt unsere Begeisterung nur noch die Grenzen, die unser englischer Wortschatz uns auferlegt. Doch Phil, an diesem Abend gewandet in einen ehemals blauen Overall, den unvermeidlichen Stetson auf dem Kopf, hat noch mehr zu bieten. Aus der Küche holt er einen Stiefel, knetet an der Sohle herum und versichert: "Made by me."

Was Allround-Talent Phil darüber hinaus auf dem Kasten hat, erfahren wir kaum zurück auf dem Barhocker. Mit einem Riesenteller handgeschöpften Sauerkrautes kommt er aus der Küche, und auch das Kraut ist "made by me". Unser befremdetes Zögern versteht er als Wink mit dem Zaunpfahl, und schon wälzen sich drei Mammut-Würste - made by him -  auf dem Krautberg. Dazu der Senf: "Eat!"

Ich esse. Aus Rührung über die Gastfreundschaft, aber auch getrieben von einem gewissen Unbehagen bei dem Gedanken daran, wie wohl all diese Muskel-Cowboys auf dem Weg zwischen mir und der Saloontür auf eine Verletzung ebendieser Gastfreundschaft reagieren würden. Phil bekommt jetzt ebenfalls Appetit. Nach einem tiefen Schluck Whisky aus seinem Limoglas schnappt er sich mit flinken Fingern eine der Keulen, an denen Klaus und ich uns bereits zu schaffen gemacht hatten, und lutscht lautstark schlürfend, spritzend und tropfend die Wurst aus der Pelle. Die ausgezutschte Haut landet schwungvoll auf meinem Teller, bevor Phill sich, ebenfalls mit den Fingern, einen Batzen Kraut grabscht, um es schmatzend zu verspeisen. Ich muß daran denken, daß diese Finger vorhin die Klotür geöffnet und so anschaulich die Stabilität der Stiefelsohle demonstriert haben, ohne seitdem mit Wasser und Seife in Berührung gekommen zu sein.

Inzwischen ist die Band eingetroffen. Trommel und Becken sind rasch im Nebenraum plaziert, und nach einem oberflächlichen Soundcheck interessiert den etwas verschrumpelt wirkenden Schlagzeuger nur eine Frage: Wie war nochmal dieser deutsche Satz im Text des Beatles-Songs "Michelle"? Bis zum Ohrenklingen summt und lallt er uns die Melodie vor; daß wir von einem deutschen Vers in "Michelle" noch nie etwas gehört haben, kann er sich nicht vorstellen - Germans müßten sowas doch wissen. Endlich zieht Schrumpel ab, und wir können uns, während er und der Koloß von Gitarrist im unbeleuchteten Nebenraum mit trägen Klängen loslegen, wieder dem Hauptproblem des Abends zuwenden.

Eine der drei Keulen habe ich gezwungen, knapp die Hälfte einer anderen hat Klaus reingewürgt, den anderen Teil hat Phil ausgelutscht und mit Whisky runtergespült - bleibt noch: eine dritte Monster-Wurst, ein Berg von gut vier Pfund Kraut und eine Schüssel fast unberührten scharfen Senfes. Jeder "Eat"-Befehl des immer grimmig-glasig-herzlicher dreinguckenden Phil wird von durchdringenden Schwaden seiner Fahne unterstrichen, und inzwischen glaube ich nicht mehr daran, den Saloon unverletzt verlassen zu können, ohne diesem fünfpfündigen Ausbruch an amerikanischer Gastfreundschaft voll entsprochen zu haben. Erst als Phil zum Tanzen abgeschleppt wird, wittern wir unsere Chance. Wurst und Kraut rasch eingepackt, bedanken wir uns dafür, daß er unsere Portion so reichlich bemessen hat, daß wir auch Erika kosten lassen können - und gehen stiften.

Die Parade, die wir dann am nächsten Tag in Eureka erleben, ist durchaus beeindruckend; der Höhepunkt dieses Unabhängigkeitstages indes ist sie für uns nicht. Denn unterwegs zum nächsten Campingplatz machen wir noch kurz in Middle Gate Station...

Wieder ist es Klaus, der uns das Unheil einbrockt. "Nur ganz rasch fotografieren" will er die filmreife Westernkulisse vor aufflammendem Abendrot, doch in Middle Gate feiert man gerade mit sämtlichen 20 Nachbarn aus 50 Meilen Umkreis Unabhängigkeitstag, und gnadenlos wird aufgefordert sich hinzuzugesellen, wer sich der kleinen Rastanlage auch nur nähert. Bei uns Germans nimmt die Einladung Befehlscharakter an, einhergehend mit latenter Bereitschaft zu körperlicher Nötigung. Da ist zum Beispiel Lena, die Anstalten macht, sich an unser Campmobil zu klammern, als wir aufbrechen wollen. Aber weil sie dazu Whiskyglas und Zigarette aus der Hand geben müßte, beschränkt sie sich darauf, sich von außen durchs Beifahrerfenster zu beugen und die Ellenbogen im Innern zu verkanten. Lena, die übrigens Berliner Vorfahren hat, spricht "a little" deutsch. "How is my German?" lallt sie. "Excellent!" beeilen wir uns zu loben. Ihr Englisch verstehen wir besser.

Mit der sanften Gewalt ihrer Verkeilungstaktik und whiskyfahnengewürzter Wortschwälle gelingt es Lena, uns das Versprechen abzuringen, eine halbe Stunde an der Party teilzunehmen. Überschwenglich werden wir begrüßt und bekommen Teller in die Hände gedrückt. Neben Gegrilltem gibt es allerlei Salate, rein äußerlich ist nichts auszusetzen; irgendwie erinnert mich diese Barbecue-Gemeinschaft aber an Phil und seine Saloon-Kumpane, und mir vergeht der Appetit. Erika langt kräftig zu. Ihr ist gestern so mancher Blick hinter die Kulissen amerikanischer Unabhängigkeitstag-Küchenkultur verwehrt geblieben.

Entspannte Nahrungsaufnahme ist ihr dennoch nicht möglich. Denn Independence Day feiern heißt in Middle Gate, Chinaböller und Raketen mitten unter den speisenden Gästen zu zünden. Von allen Seiten, direkt neben, unter und über uns kracht und raucht es, derweil einer der Rancher mit vollem Mund zur Klampfe greift und dumpf grinsend seiner Nachbarin ins Ohr säuselt. Ein wohlgenährtes Cowgirl übt zwischen Fleischspießen und Salaten Lasso-Schwünge.

Bei soviel Ausgelassenheit dürfte es uns, meinen wir, nicht allzu schwer fallen, uns zu verdrücken. Doch man hat ein Auge auf uns. Und besteht darauf, uns zum Abschied ein ganz besonderes Ereignis zu bieten: "The big one!" Wenn man uns danach ziehen läßt, na schön...

Einer der Cowboys geht ins Haus und kommt mit einer Art Kerze zurück. Der Docht ist steif wie eine Stricknadel. Erst als wir aufgefordert werden, lieber Abstand zu halten, regt sich in uns eine bestimmte Ahnung. An der Straße, rund zehn Meter vom Haus entfernt, steht eine alte Regentonne. Der selbsternannte Sprengmeister kippelt das Faß und plaziert die Dynamitstange so darunter, daß nur die Lunte hervorschaut. Selbst er, der vorhin Feuerwerksraketen aus den bloßen Fingern hat starten lassen, nimmt nach dem Anzünden schleunigst Reißaus. Plötzlich sehe ich mich vor die Frage gestellt, was eigentlich in einem solchen Fall als sicherste Deckung zu wählen wäre. Eines der Autos? Das Campmobil? Das Haus? Ich entscheide mich für ein Höchstmaß an Abstand. Als ich etwa doppelt so weit von der Tonne entfernt bin wie die übrigen Zuschauer, geht das Dynamit mit einer dumpfen Explosion hoch. Der Boden des Fasses wird abgesprengt und mindestens 100 Meter in die Luft geschleudert, bevor er scheppernd irgendwo zwischen Tonne und Zuschauern in den Staub schlägt. "It’s not spectacular", jubelt einer der Gäste, "but it’s much fun!" Erst jetzt merke ich, daß ich mich auf das Gelände einer Tankstelle geflüchtet habe.

Gesättigt zumindest mit Eindrücken, die Explosion noch in den Ohren, fahren wir in den verblassenden Sonnenuntergang - fest entschlossen, Phils tiefgefrorenes Wurstmonster zur Selbstverteidigung aus dem Eisfach zu holen, wenn uns nochmal jemand zur Teilnahme an ländlichen Festivitäten nötigt.