Manfred Köhler
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Viehdieben auf der Spur

"In früheren Zeiten hätte man den Kerl aufgeknüpft!" Brandzeicheninspektor Kent ist ein stiller, freundlicher Mensch, aber für Viehdiebe hat er nichts übrig - erst recht nicht für diesen besonders fiesen Gauner, den er jüngst überführen konnte: Ein Cowboy hatte sich in das Vertrauen einer alten Ranchers-Witwe eingeschlichen und ihr innerhalb von zehn Jahren über 200 Kühe geraubt, indem er die Brandzeichen manipulierte.

In den 13 Jahren, die Kent als Brandzeicheninspektor des Staates Colorado arbeitet, hat er drei weitere Fälle ähnlicher Art aufgedeckt. Diese Erfolge stehen jedoch in keinem Verhältnis zum Aufwand. Kent muß immer vor Ort sein, wenn an irgendeiner Stelle in den vier Landkreisen seines Zuständigkeitsbereiches Vieh verkauft wird. Bis zu 50 Meilen liegen zwischen den einzelnen Ranches, und so sitzt er schonmal endlos Zeit im Auto ab, bevor er sich an seine eigentliche Aufgabe machen kann.

Eine Kombination aus Fließbandjob und detektivischer Kleinarbeit ist dieser staatlich Auftrag, gefälschte Brandzeichen nachzuweisen. Ganze Rinderherden werden an Kent vorbeigetrieben. Hat er aus dem Bauch heraus einen Verdacht, meistens geweckt durch die Art wie die Haare rund um die verbrannte Haut liegen, läßt er das Rind an dieser Stelle scheren und untersucht den Abdruck näher. Die 500 Brandzeichen seines Distrikts kennt er auswendig, aber kommt das Rind von außerhalb, muß Kent dann doch nachschlagen in der über 31.000 Brandzeichen starken Sammlung sämtlicher Ranches in Colorado. Die Kombinationen und damit die Möglichkeiten für Fälscher sind unüberschaubar.

Aber meistens liegt der Fall ganz anders. Oft genug stimmt das Brandzeichen auf dem Rind nicht mit dem des Besitzers überein, weil sich die Herden verschiedener Weiden vermischt haben und der verkaufswillige Rancher versehentlich Tiere vom Nachbarn mit eingeladen hat. Zuweilen kann man sich da einigen: Der Rancher ruft den Nachbarn an, informiert ihn, verkauft dessen Rinder mit und regelt den Fall dann zuhause. Ist eine fernmündliche Einigung nicht möglich, muß Kent den Rancher wieder nach Hause schicken. Schlimme Konfliktsituationen sind das für den Brandzeicheninspektor, der selbst auch eine Ranch besitzt und daher genau weiß, wie groß der Aufwand ist, eine Herde zu einer Auktion zu verfrachten.

Die zwei Seelen in Kents Brust rebellieren erst recht, wenn er einen wirklichen Gauner überführt: Würde der Rancher am liebsten zum Strick greifen, der Brandzeicheninspektor alarmiert den Sheriff. In der Wortwahl suchen Privatanliegen und Staatsauftrag den Kompromiß: Beim Thema alte Lady und fieser Cowboy ist nicht die Rede von Gerechtigkeit, Gesetz oder Galgen; fern seiner Ranch, das Brandzeichenbuch unterm Arm, meint Kent ganz beiläufig, zwei Jahre Gefängnis finde er doch allzu milde.