Manfred Köhler
Romane
Sachbücher
Texte
Lesungen
Kontakt
Links
Ausflugsziele

Syracuse - ein Rätsel in drei Akten

Syracuse ist einer jener Orte, an denen man einfach anhalten muß, wenn man Geisterstädten zugetan ist. Zu besichtigen gibt es reichlich: eine verfallen Tankstelle am östlichen Ortsrand; einen bröselnden Betonbunker mit rostenfleckiger Eisentür, gerahmt von verschnörkelten Säulen; wild durcheinander geworfenen Krimskrams in den Vorgärten; durchwegs ungeteerte, schlaglöchrige Seitenstraßen; mitten im Ort einen Acker... So richtig sattsehen aber kann man sich dort, wo der Highway 50 das Zentrum des 183-Einwohner-Dorfes quert. Die frühere Einkaufsstraße ist komplett ausgestorben. Kein Geschäft der Häuserzeile ist mehr bewirtschaftet - Café, Diner, Post, Gemischtwarenladen, alles verrammelt und gestopft voll Gerümpel. An einer der Wände hängt ein Kalender von 1971.

In der Werkstatt gegenüber fragen wir nach. Und stoßen auf eisige Ablehnung. Einem jungem Mann, der das Öl eines alten Lasters wechselt, sind schließlich ein paar Worte zu entringen. Wir erfahren, daß die gesamte Häuserzeile in der Hand eines einzelnen Mannes sei, und der habe die Geschäfte irgendwann geschlossen, aber ganz gewiß nicht mangels Kundschaft. Was war dann der Grund? "Keine Ahnung, fragt woanders nach." Unsere Neugier ist geweckt. Leider kann oder will uns auch kein anderer Einwohner von Syracuse Auskunft geben. In einer Tankstelle bekommen wir schließlich die Anschrift des Häuserzeilenbesitzers. Auf unser Klingeln öffnet jedoch niemand. Ein freundlicher Nachbar nennt uns den Arbeitsplatz des Gesuchten. Wir folgen der Wegbeschreibung - und stehen wieder vor der Werkstatt.

Als der junge Mann uns erneut hereinkommen sieht, verzieht er sich ins Büro nebenan, dreht uns den Rücken zu und beginnt ein Telefongespräch, das so schnell nicht enden wird. Einer der Kfz-Mechaniker erzählt uns schließlich, der junge Mann sei der Neffe des Häuserzeilenbesitzers, und der wiederum sei auf Dienstreise. Und das ist das letzte, was wir zu diesem Thema erfahren. Als wir die Werkstatt verlassen, starrt uns der telefonierende Neffe seltsamen Blickes hinterher, und uns beschleicht ein Gefühl, als hätten wir mit unserer harmlosen Fragerei an ein Geheimnis gerührt, dem auf die Spur zu kommen bisher noch niemand gewagt hätte.