Manfred Köhler
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Das Geisterhaus und die Gartenschlange

Diese Stechmücken greifen nicht sirrend an, sie sinken müde von der Decke herab, rieseln wie Staubflocken auf die Haut und sind zerquetscht, ehe sie einen Tropfen Blut geleckt haben. Doch um jede zu bemerken, dafür sind es zu viele. Gerade ihre träge Lautlosigkeit macht die Mücken dieses Geisterhauses so besonders tückisch. In den Ritzen der abgeblätterten weißen Farbe lauern sie, in dem Deckenloch, aus dem modrig ein eiskalter Hauch in den stickig schwülen Vorraum sickert. Am Fadengeflecht eines brüchigen Spinnennetzes dreht sich monoton eine Wespenmumie im Luftzug.

Dieses Geisterhaus direkt am Highway 50 ist noch lange keine Ruine. Zwar dringt das Laub schon in den Vorraum, zwar sind die Zimmer wie ausgeplündert, die Böden durchgetreten, und die Tapeten lösen sich von den Wänden; doch sind die Türen noch fest verriegelt, ein Eindringen ohne Gewalt ist unmöglich. Sogar die Fliegengitter erfüllen noch ihre Funktion.

Dieser alte Fahrradschlauch, er liegt auffallend verschlungen in der Sonne. Das Züngeln sieht man erst im letzten Augenblick. Eine dicke schwarze Schlange mit winzigem hellem Kopf gleitet an der Mauer entlang und fließt durch eine Ritze in den Keller ab. Harmlos soll es sein, dieses Missouri Garden Snake genannte Reptil; doch vor Klapperschlangen wimmelt es in diesem Teil des Landes, auch sie lieben dunkle Löcher, und plötzlich ist der Wunsch, die alten Mauern zu durchforschen, nicht mehr allzu groß.

Diese vielen Fragen, die beim Stöbern in den Geisterstädten und Geisterhäusern entlang des Highways 50 durch den Kopf spuken, zumeist bleiben sie unbeantwortet, und der Phantasie ist damit reichlich Baustoff gegeben, häßliche Trümmerhaufen zu verwunschenen Dornröschenschlössern umzugestalten. Im Falle dieses einen Hauses ist das Geheimnis schnell gelöst. Ein Nachbar kennt die ganze Geschichte, zerstört mit wenigen Worten den wohligen Grusel. Der Besitzer sei vor sieben Jahren ins Altersheim der Nachbarstadt gezogen und habe noch keinen Käufer für das Haus gefunden. So die knappen Worte von Ken, Hobby-Farmer, von Beruf Maschinen-Mechaniker mit Arbeitsplatz im 25 Meilen westliche gelegenen Sedalia. Wenig wohnlicher wirkt sein Haus, und vielleicht hat sich auch in seinem Keller schon die Gartenschlange eingenistet.