Manfred Köhler
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Rinderleiber in Stahlspangen

Mit brutaler Gewalt schnappt die Falle zu, und das Rind, das sich mit einem verzweifelten Satz ins Freie retten wollte, ist eingeklemmt wie später das Steak auf dem Brötchen. Der Leib steckt zwischen zwei Stahlspangen, nur der Kopf ragt aus dem eng anliegenden Metallkäfig heraus. In Sekundenschnelle erledigen zwei junge Frauen zu beiden Seiten des Rinderkopfes drei Handgriffe: Spritze mit Wachstumshormonen und Serum gegen Durchfall ins Ohr stechen, Beruhigungsmittel per Katheter direkt in den Magen pumpen, Clip zur Kennzeichnung ins Ohr stanzen. Die Falle schnappt auf, das Rind befreit sich, springt ins Freie und empfängt auf dem Weg zurück in den Pferch noch eine Dusche mit einem Mittel gegen Läuse.

Nicht immer geht alles glatt bei dieser Prozedur, die jedes neu gelieferte Rind der Rindermastanlage nahe Ingalls in Kansas erdulden muß. Gelegentlich schnappt die Falle in einem Moment zu, in dem das Rind schon wieder halb draußen ist, und der Körper wird heftig gequetscht. Oder der Ohrclip schließt nicht, fällt wieder ab, und eine Blutfontäne schießt aus der Wunde. Oder das Rind rutscht aus auf dem glatten Untergrund und bricht sich ein Bein.

Mitleid von den Cowboys dürfen die Tiere in solchen Fällen nicht erwarten. Oft genug, so sagen die Männer, werden auch wir von widerspenstigen Rindern verletzt, werden getreten oder auf die Hörner genommen. Was die Cowboys besonders nervt, ist die Raffinesse mancher Stiere, denen es immer wieder gelingt, mit der Zunge ihr Gatter zu öffnen. In der Regel gelangt das Vieh nur in den Nachbarpferch, es vermischen sich Herden verschiedener Besitzer, und die Tiere müssen mühevoll wieder getrennt werden. Zuweilen kommt es aber auch vor, daß die Rinder vom Gelände ausbrechen und sich aus dem Staub machen. Sogar in der Innenstadt von Ingalls mußten die Cowboys in solchen Fällen schon ihr Lasso schwingen.

Zwischen 35.000 und 39.000 Stück Vieh werden auf dem Gelände gemästet. Das Schicksal der Tiere ist immer gleich: Sie werden von ihren Besitzern einkauft, umgehend nach Ingalls in die Mastanlage geliefert und dort gegen Gebühr exakt 120 Tage lang fettgefüttert und tierärztlich betreut. In diesen vier Monaten wird das Vieh dreimal täglich mit einem dampfenden Gemisch aus Melasse, Heu, Mais und Eiweiß gefüttert. Sobald die Tiere schlachtreif sind, werden sie von Interessenten begutachtet, vor Ort verkauft und bald darauf in den entsprechenden Schlachthof geliefert - nach der Einlieferung in die Mastanlage die zweite und letzte große Schocksituation im Leben eines amerikanischen Rindes.