Manfred Köhler
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Patiencen am Pokertisch

Seit eine Bande von Halbstarken die Scheiben eingeworfen hat, fällt das Sonnenlicht viel heller auf Marys Pokertisch, und der Wind faucht frisch und reinigend durch den lauwarmen Uringestank in "Norman’s Texaco". Gewohnheit führt die Hand der alten Frau. Die Karten mischte sie hier schon zu Zeiten da sie hübsch genug war, sich im Saloon nebenan als Bardame zu verschwenden, als "Norman’s Texaco" Reparaturbetrieb war, ohne reparaturbedürftig zu sein.

Heute lebt Mary von der Sozialhilfe. Norman hat seine Tankstelle verkauft an einen Menschen, der damit nichts anzufangen weiß. Ungezügelter Verfall ist so das einzige Ergebnis der veränderten Eigentumsverhältnisse. Der Pokertisch behauptet den gewohnten Platz, und von der Magie des Spiels gefangen, legen Mary und so viele andere einsame Bürger des Örtchens Avondale unter der zerfetzten Decken-Tapete Patiencen. Derart beliebt ist dieser Treffpunkt, daß man die Tankstellen-Ruine am Stromnetz gelassen hat und daß sogar das Zeitungs-Abo fortbesteht.

Tag für Tag erscheint Marys bleiches Gesicht hinter den Splittern der eingeworfenen Fenster. Schicksalsgefährten sind diese beiden Veteranen Avondales, Tankstelle und Kartenspielerin: aufgegeben und weggeworfen, in Gewohnheit vereint. Blind gegenüber dem rasenden Verfall, unbeeindruckt von pupertierenden Pickelgesichtern, die das kleine Refugium in Trümmer zu legen trachten. Nicht mal ein Anflug von Zorn schwingt in ihrer Stimme mit, als Mary die zerbrochenen Fensterscheiben erklärt - mit Worten, die versöhnlicher nicht sein könnten: "Die Jungs haben halt entschieden, das Glas herauszunehmen."