Manfred Köhler
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Vom Leichenbestatter zum Küchenchef

Der rundliche Wachmann mit den dicken Brillengläsern wirkt gemütlich, ist aber ein Hektiker. Stehend nimmt er sein Frühstück ein, stets auf dem Sprung, und als die Uhr ihm sagt, daß es Zeit wird, zur Arbeit aufzubrechen, ist die letzte mühsam zusammengekratzte Ruhe dahin. Er winkt Küchenchef Steve zum Bezahlen heran, seine Hand zuckt dabei gegen die halbvolle Kaffeetasse, und die braune Brühe ergießt sich über die Theke.

Aber Steve hatte es ja so gewollt. Nach über 25 Jahren als Bestattungsunternehmer konnte der 43jährige keine Leichen mehr sehen. Nur noch mit Lebenden wollte er es künftig zu tun haben, seien es auch noch solche Chaoten, und daher vertauschte er den schwarzen Anzug mit der Küchenschürze und kaufte sich einen Diner am Rande von Parkersburg, West Virginia.

Was Steve mit seinem beruflichen Neuanfang aufgab, war nicht irgendein Bestattungsunternehmen, es war und ist DIE Institution vor Ort, ein Familienbetrieb in dritter Generation, ein prosperierendes Geschäft mit vier Zweigstellen, die seine Familie jetzt ohne ihn weiter betreibt, während er sich mit Freundin Wanda eine neue Existenz aufbaut. Auch die blonde Wanda, eine fröhliche, stets zu Witzen aufgelegte Mittvierzigerin, ist nicht vom Fach. Schuhverkäuferin hat sie gelernt, und weil sie diesen Beruf noch immer ausübt, im Diner aber tüchtig mit anpacken muß, besteht ihr Leben nur noch aus Arbeit. Wie sie das aushält? Ganz ohne ihr schelmisches Lächeln antwortet sie kopfschüttelnd: "Ich halte das nicht mehr lange aus."

Muß sie auch nicht, denn Steve hat zum baldigen Einstieg zwei Aushilfskräfte verpflichtet. So braucht auch er nicht mehr länger als Kellner einzuspringen, sondern kann sich ganz auf die Küche konzentrieren. Schon während seines Daseins als Bestattungsunternehmer war Kochen seine Leidenschaft, und er brachte es darin zu einer Meisterschaft, die seine Freunde als Nutznießer der zum purem Selbstzweck entfalteten Kochkünste immer wieder fragen ließ, ob er und Freundin Wanda nicht ein Restaurant aufmachen wollten. Steve breitet die Arme aus und umgreift damit seinen Diner: "Now we are here!"

Still lächelnd holt er sich einen Lappen, um den Kaffee des Wachmannes aufzuwischen.