Manfred Köhler
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Tote Häuser, Schlangenmumien

Elmdale, das ist ein obskures Nebeneinander von verfallenen Hütten und hübschen Wohnhäusern, von verwunschenen Schloßruinen und gut erhaltenen historischen Gebäuden, von elenden Schrotthaufen und nett arrangierten Grünanlagen. Dem ganzen Wirrsal von Häusern, Wracks, Trailern und Campern fehlt jegliches Zentrum, den Eindruck von Ordnung und Zusammenhalt gaukelt lediglich ein grobes Netz staubiger Kieswege vor. Die wenigen Teerstraßen sind übersät mit den ausgedorrten Leichen totgefahrener Schlangen.

Klapperschlangen? Schulterzucken bei einem der Anwohner, der unmittelbar neben der Hauptstraße, nur mit einer Säge ausgerüstet, ein fest ineinander verwachsenes Geschlinge aus wild wucherndem Geäst und Schrott brachial entknotet. Aber dem Mann fällt, während er die beiden platten Mumien von allen Seiten betrachtet, eine Geschichte über die Zählebigkeit von Schlangen ein. Vor einigen Jahren habe er bei Aufräumarbeiten in einem niedergebrannten Haus unter den Ruinen ein Nest mit sechs Klapperschlangen freigelegt. Ohne zu zögern habe er auf die zischenden, rasselnden Reptilien eingeschlagen, bis sie sich nicht mehr rührten. Doch als er nach der Mittagspause zum Ort des Massakers zurückkam, waren die Schlangen verschwunden.

Auch Elmdale macht den Eindruck, als wäre es dem sicheren Tod so manches Mal davongekrochen. Unbeugsam wie der Lebenswille der Schlangen scheint die Treue der rund 100 verbliebenen Einwohner zu ihrem Städtchen, zäh trotzen sie dem Sensenmann, der Streich für Streich ein Haus, ein Grundstück nach dem anderen ins Jenseits abberuft. Geisterstädte, so bestätigt sich hier, entstehen nicht nur durch plötzliche Abwanderung, der Verfall breitet sich zuweilen aus wie ein wucherndes Krebsgeschwür. Bis mit dem letzten Einwohner auch der letzte Lebenshauch für immer entweicht.