Manfred Köhler
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Ausflugsziele

Mit Möwenklecks billiger

Wenn es Herbst wird in Ocean City, übernehmen Möwenlegionen die Küste. Brütenden Hühnern gleich, lungern die wuchtigen weißen Seevögel auf dem zentralen Großparkplatz. Stöbern in den Mülltonnen, spazieren futtersuchend den Strand entlang. Über den olivgrünen Brechern des Atlantiks wirbeln ihre Schwärme wie ein lärmendes, fischverschlingendes Schneegestöber, während am Ufer vereinzelte Angler in wattierten Jacken auf regungslose Ruten starren.

Nur auf der Promenade sind die Menschen noch in der Mehrheit. Bummelnde Urlauber begegnen Joggern, Skateboard- und Radfahrern. Wenige Meter abseits am Strand sucht ein einsamer Glücksritter mit Metalldetektor nach verlorenen Centstücken - selbstkreierter Zeitvertreib in einer an vorgekauten Attraktionen arm gewordenen Touristenmetropole. Die Vergnügungsparks mit ihren gigantischen Achterbahnen sind erstarrt, die Drehorgelklänge verstummt, die Lichter erloschen. Vor einem der verrammelten Eingänge wirbeln auf einer angewehten Sandinsel Papierfetzchen, in einer Miniatur-Windhose gefangen, im Kreis. In den letzten offenen Freiluft-Shops blähen sich Sweatshirts mit Ocean-City-Aufdruck, von Böen erfaßt, zu Ballons. Möwenbekleckerte Ausschußware gibt es im Dreierpack für zehn Dollar.

Für die meisten T-Shirt- und Andenkenläden ist der Sommerschlußverkauf schon vorüber, ihre heruntergelassenen Metallgitter ächzen und klappern im Herbstwind. Ganz aufgegeben hat Ocean City die Hoffnung auf letzte warme Herbsttage indes noch nicht: Unentwegt dreht ein Traktor mit Sandrechen am Strand seine Runden. Zu glätten bleiben ihm vorwiegend die ungezählten Trippelspuren der Möwen.