Manfred Köhler
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Eine Stadt stirbt,
die Bewohner sitzen im Schatten

Die Eisdiele ist tot, es lebt die Videothek. Während Dick’s Dairy Corner im Zentrum von Londonderry zwanzig Jahre nach der Eröffnung schon, von der Pleite dahingerafft, dem Verfall preisgegeben ist, wird gegenüber mit billigen Filmchen Kasse gemacht.

Eine der lebendigsten Geisterstädte am Highway 50 ist dieses Londonderry: Niedergang und Geschäftigkeit teilen sich den Raum um die Kreuzung der Straßen von Cox nach Vigo, von Ratcliffburg nach Chillicothe. Trucks und Traktoren röhren und knattern durcheinander, eine Kreissäge kreischt, Kinder toben lärmend um die Häuser.

Still wird das alte Hotel von wildem Wein erwürgt. Auf der Terrasse stapelt sich der Sperrmüll, gekappte Telefondrähte baumeln im Wind, eine der Wände bläht sich nach außen. Der frühere Eingang ist zugenagelt, daneben aber klafft der Rahmen des glaslosen Panoramafensters wie ein Riesentor. Längst hat sich die Vorgartenbepflanzung zur Wildnis verfilzt, aber vor Vandalismus hat die Barriere der Sträucher das Haus nicht bewahren können: Hinter den zerfetzten Vorhängen zeugen Berge von Kleinholz von zerstörerischen Gewaltakten.

Der Ruine des Hotels gegenüber sitzen vier kräftige junge Burschen im Schatten einer Tankstelle und lassen die Bierdosen kreisen. Andere haben sich in der Videothek mit Kassetten eingedeckt und verlassen damit das sterbende Zentrum ihrer Stadt - hin zum Ortsrand von Londonderry, wo sich schmucke Einfamilienhäuschen um das blitzsaubere Schulhaus gruppieren, aber die Straßen wie leergefegt sind.