Manfred Köhler
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Ausflugsziele

Keine Gnade für den Bösewicht

Ein sonores "Ups" entschlüpft dem Sheriff, als er beim Colt-Wirbeln aus dem Takt kommt. Tex Boulder, sehr groß, sehr schlank, bei den Liveshows ein souveräner Platzpatronen-Schütze, wird vor der Videokamera zum Opfer des Vorführeffekts.

Buckskin Joe soll es tatsächlich mal gegeben haben, 2.000 Einwohner stark, 18 Meilen nördlich der Royal Gorge gelegen; jetzt tummelt sich das holzhäuserne Westernstädtchen direkt neben der Königlichen Schlucht, in alter Pracht, mit neuzeitlichen Schönheitsfehlern, durchwuselt von Touristen. In seiner Gesamtheit ist Buckskin Joe ein Abenteuerspielplatz. In die Bestandteile zerlegt, offenbart sich ein Fleckerlteppich ohnegleichen: romantische alte Bretterbuden, aus ganz Colorado zusammengetragen, dazu Lausprecherdurchsagen und Eisreklame; Originalkostüme an den Schauspielern, die Servicekräfte im Country-Look; der Friedhof mit verwitterten Holzkreuzen, auf den Gräbern ausgebleichte Plastikblumen. Buckskin Joe, das ist Museum und Andenken-Supermarkt, rauhes, authentisches Theater und Hollywood-Klamauk, Westernstadt und Westernklischee.

Wie die Stadt, so ihre Besucher. Es schauspielerten vor den alten Hütten Westernlegenden und Western-Eintagsfliegen: John Wayne und Glenn Ford, aber auch Jane Fonda, Bruce Boxleitner, Goldie Hawn... - insgesamt 40 Stars und Sternchen gaben Buckskin Joe die Ehre.

Den Tagesbetrieb halten Laiendarsteller aufrecht. Alle zwei Stunden werden die Touristen per Lautsprecher zusammengetrommelt, auf daß sie Gunfight oder Comedy beiwohnen. Höhepunkte sind die Hangings: Ein feiger Mord, ein heldenhafter Sheriff, ein Schurke, der auf dem Weg zum Galgen um Gnade winselt. Der Sheriff waltet seines selbstangemaßten Henker-Amtes und läßt sich anschließend mit baumelndem Bösewicht ablichten. Die Videokameras der Touristen surren, Applaus und Ende der Show. Tex Boulder steckt seinen Colt ein. "Ups!" - fast hätte er die Pistolentasche verfehlt.