Manfred Köhler
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Die Telefonistin,
die auch Kerkermeisterin war

Nicht jede Eigeninitiative in Gerald hat Ergebnisse gezeitigt, die sich sehen lassen können. Zumindest eine ging ziemlich daneben: Den "Gerald Roadside Park", angelegt auf ein paar Quadratmetern Rasen zwischen Highway 50 und den parallel zur Straße verlaufenden Eisenbahnschienen, könnte jeder landschaftsgestalterische Laie mit ein paar Sträuchern und zwei Sitzgruppen aus dem Baumarkt in seinem Vorgarten kopieren.

Was die Bürger von Gerald, abgesehen vom Stadtpark, auf die Beine gestellt haben, macht ihnen jedoch niemand so leicht nach. Als die Eisenbahngesellschaft wechselte, den Bahnhof schloß und abreißen wollte, versetzten sie das Gebäude auf die grüne Wiese, renovierten es in Eigenleistung und schenkten sich mit den holzgetäfelten Räumen ein Jugendzentrum ebenso wie einen Tanzsaal und einen Versammlungsraum. Dann wandten sich die Geralder dem alten Ärgernis zu, über keine eigene Bücherei zu verfügen. Es wurde eine groß angelegte Sammelaktion gestartet, und mit eigenen Mitteln erfüllte man sich schließlich den Traum.

Das Juwel des kollektiven geraldschen Ärmelhochkrempelns aber ist das alte Telephone Office, in dem Fernsprechvermittlerin Elisabeth "Lizzie" Raaf, liebevoll "die Stimme von Gerald" genannt, von 1911 bis 1962 sämtliche Telefongespräche der Ortschaft stöpselte. Außergewöhnlich schon das, aber Lizzie hatte noch einen Nebenjob: Da in dem winzigen Amtshäuschen auch das Untersuchungsgefängnis von Gerald untergebracht war, gehörte es zu ihren Aufgaben, "to feed the prisoners", den Häftlingen das Essen zu reichen. 1989, ein Jahr nach dem Tod der Telefonistin, versetzten die Bürger von Gerald Lizzies Reich in einem Stück neben den alten Bahnhof, restaurierten die Räume und machten daraus ein Museum. Zu besichtigen sind die alte Vermittlungsanlage, Fotos zu Lebensstationen von Elisabeth Raaf, das Sofa, auf dem sie mittags auszuruhen pflegte, und natürlich die Gefängniszelle.

Inzwischen haben sich die Chamber of Commerce und damit die Bürger von Gerald einer neuen Aufgabe zugewandt, die sie mit vereinten Kräften durchboxen wollen: Gerald soll wieder Eisenbahnhaltepunkt für den Nahverkehr werden. Für den Fall, daß die Eisenbahngesellschaft den Wunsch erfüllt, müßte ein neuer Bahnhof gebaut werden, und zwar ungefähr dort, wo heute der "Gerald Roadside Park" den Ortskern verunziert. Eine echte Chance, einen Stadtpark anzulegen, der den Namen verdient.