Manfred Köhler
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Städte, an die nur noch Schilder erinnern

In der Zeit des Silber- und Goldrausches sind in Nevada so viele Städte aus dem Boden gewachsen, jedoch nach kurzer Blüte verwelkt, daß ein eigens herausgegebener Führer zu den Geisterstädten des Bundesstaates dichter mit Punkten und Linien übersät ist als die gültige Straßenkarte. Entlang des Highways 50 ragen alle paar Meilen sogenannte Historical Markers aus der Prärie, Schilder, die an Siedlungen erinnern, die, oft schon nach wenigen Jahren, von ihren Bewohnern wieder aufgegeben wurden.

Feuer tilgte Hamilton von den Landkarten. 10.000 Menschen hatten sich hier im Verlauf einer der intensivsten und kürzesten Silber-Stampedes Nevadas niedergelassen. 1868 hausten die Bewohner noch in Höhlen oder erbärmlichen Hütten, doch schon ein Jahr später wurde die Siedlung Verwaltungssitz von White Pine County, Ziegelhäuser wuchsen aus der Prärie, eine Hauptstraße formte sich. Mitten im Boom traf Hamilton 1873 der Todesstoß: Große Teile der Stadt brannten nieder, der County Seat wurde nach Ely verlegt, Hamilton siechte dahin, brannte ein weiteres Mal und starb noch vor der Jahrhundertwende aus.

Jacobsville erlosch ganz ohne Katastrophe. George Washington Jacobs, erster Sheriff des Landkreises Lander County, hatte am Reese River 1859 eine Poststation gebaut, die ein Jahr später Pony-Express-Halt wurde. Rund 400 Menschen siedelten sich an, eine Telegrafenstation wurde gebaut, ein Gerichtsgebäude, drei Läden und zwei Hotels entstanden. Jacobsville wurde Verwaltungssitz von Lander County - und damit hatte die Entwicklung ihren Höhepunkt erreicht. Schon nach wenigen Monaten zog die Verwaltung ins bevölkerungsreichere Austin. Auch dieser Stadt blieb zwar, als die Silberminen erschöpft waren, der Niedergang nicht erspart; immerhin aber leben in Austin heute noch Menschen, während von Jacobsville nur ein paar Fundamente erhalten sind.

Von Hazen stehen sogar noch drei windschiefe Holzhütten, ein Straßenverlauf ist zu erkennen, und zwei klobige Überseekoffer mit rostigen Beschlägen liegen zerschmettert in der Prärie. Der Historical Marker berichtet von Hotels, Saloons, Bordellen, Kirchen, Schulen und einem Depot der Southern Pacific Railroad. Vier markante Ereignisse sind überliefert, 1903 die Stadtgründung, 1908 ihre Vernichtung in lodernder Feuersbrunst und dazwischen Erfreuliches und Grausiges, auf das man gleichermaßen stolz verweist: 1905 schnaubte der erste Zug durch Hazen, im gleichen Jahr wurde ein Gangster gelyncht, angeblich letztmals in Nevada. Eine aufgebrachte Meute zerrte Red Wood aus dem Holzgefängnis und knüpfte ihn auf. Für welches Verbrechen, das verschweigt der Historical Marker.