Manfred Köhler
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Gummiwürmer in der Schreinerwerkstatt

Den Leitspruch für die Schreinerwerkstatt haben die Enkel ausgegeben: Opa ist zum Liebhaben da - und zum Spielzeugreparieren. Die kleinen Holzautos, die auf der Hobelbank auf einen Kundendienst warten, sind es aber nicht, die Charles an diesem Sonntag an die Werkstatt fesseln. Wichtige Eilaufträge außerfamiliärer Kunden lassen ihm keine Ruhe, und so hat er die Lederschürze um den mächtigen Leib geschlungen und die Maschinen angeworfen.

Daß Charles auch am Wochenende Schränke baut oder bleiverglaste Fenster instandsetzt, kommt nicht selten vor. Denn der Umgang mit Holz ist für den Schreinermeister aus North Vernon in Indiana nicht Arbeit, sondern bevorzugter Zeitvertreib. Wie wenig der wuchtige Handwerker zwischen Beruf und Freizeit unterscheidet, zeigt ein näherer Blick in sein Reich. Zwischen Werkbänken und Regalen findet sich die komplette Ausrüstung für sein zweitwichtigstes Hobby: Angelruten und mehrere Kisten voller Köder, darunter eine ganze Schachtel voll glibberiger Gummiwürmer.

Über Angelausrüstung und Schreinerwerkzeug wachen die Ahnen: Dad und Grandpa, die ebenfalls Schreiner waren und Angler, sind auf mächtigen Panoramafotos im Kreise der damaligen Mitglieder der Game- and Fish-Association North Vernon verewigt. Charles, der auf Wunsch jeden einzelnen Veteranen von damals per Zeigestab identifiziert, ist jedoch der letzte Wahrer der Familientradition. Drei Töchter hat er, auch zwei Söhne, potentielle Nachfolger, die es jedoch vorzogen, Chiropraktiker und Arzt zu werden. 

Vielleicht, so hofft Charles, fangen ja die Enkel Feuer fürs Hobeln und Leimen. Daß sie die Nützlichkeit des Schreinerberufs immerhin erkannt haben, gilt für ihn als bewiesen, seit sie ihren Wunsch nach stets erstklassig gewartetem Holzspielzeug in eine scherzhafte Mahnung faßten und in der Werkstatt aufhängten.