Manfred Köhler
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Meinen Daumen hat ein Hund gefressen

Eigentlich ist Bob gar kein Sattelmacher. Eher ein Do-it-yourself-Ausnahmetalent: Als er nach vielen Jahren als Cowboy seinen Sattel durchgeritten hatte, wollte Bob bei einem Kumpel, der das Handwerk beherrschte, einen neuen bestellen. Der war zu beschäftigt für den Auftrag und empfahl: Mach ihn dir doch selbst. Bob befolgte den Rat, aber er ritt den selbstgefertigten Sattel nie. Denn das Erstlingswerk gelang so gut, daß sich sofort ein Interessent dafür meldete. Bob verkaufte, fertigte einen anderen Sattel, doch wieder fand sich ein Abnehmer. Über 40 Sättel hat der heute 63jährige inzwischen zusammengenäht, immer für sich selbst. Geritten ist er auf keinem einzigen.

Längst hat Bob auf die unverändert hohe Nachfrage nach handgefertigten Sätteln mit einem Berufswechsel reagiert. Er hat aufgehört, sich als Cowboy treiben zu lassen, hat sich seßhaft gemacht mit einer eigenen Sattlerei in Stagecoach im Westen Nevadas. In der Werkstatt, die zugleich Verkaufs- und Ausstellungsraum ist, fertigt er Sättel, Gürtel, Zaumzeug und Chaps, die ledernen Beinschoner der Cowboys.

Hinter einem Wandschirm steht eine Pritsche, auf der sich Bob gelegentlich ausstreckt, um den lädierten Knochen eine Pause zu gönnen. Vor allem der Rücken macht ihm zu schaffen, seit er bei Rodeos zweimal so unglücklich vom Pferd gefallen ist, daß er sich jeweils einen Wirbel gebrochen hat. Bis vor zwei Jahren führte er das Vagabundenleben eines Cowboys. Durch Kentucky, Florida und Kalifornien zog er, schuftete für sechs Dollar am Tag, haute sein Geld bei Saufgelagen auf den Kopf und hatte seinen Spaß bei wilden Prügeleien, die ihn so manchen Zahn gekostet haben.

Selten genug fand er Zerstreuung dieser Art. Denn Bob hütete meistens Gebirgsherden, lebte monatelang oft ganz allein, völlig isoliert und fern jeder Zivilisation. "25 Jahre lang schlief ich im Sommer nur in Holzhütten", erinnert er sich. In einem dieser Verschläge ist der junge Bob in dem Buch "Cowboys of the High Sierra" abgebildet. Kaffeetopf in der Hand, sitzt er neben einem Holzscheite-Haufen im Morgenlicht am Fenster und schaut verträumt ins Weite.

Ein ganzes Kapitel widmet ihm das Buch. Bob erzählt in abgehackten Sätzen von seiner Kindheit in Lancaster, Ohio, wo er als Sohn armer Farmersleute geboren wurde. "Ich fing jung an zu arbeiten", schreibt er, "hatte kein Fernsehen, hatte zu arbeiten. Zur Hölle, als ich zehn, elf Jahre alt war, konnte ich schon pflügen, pflanzen und ernten." Schuften als Lebensmittelpunkt, auch für Kinder: "Jeder arbeitete, es gab sonst nichts zu tun. Wir rannten nicht jeden Tag in die Stadt. Wir wollten was lernen. Wenn ich abends ins Bett ging, konnte ich kaum den Morgen erwarten, weil ich weiterarbeiten wollte."

Im Alter von 24 Jahren ging Bob nach Kalifornien, beschlug zunächst Pferde, wurde später Cowboy. In seiner Freizeit ritt er Rennen, spielte Banjo und Gitarre. Und er schindete seinen Körper bei Rodeos. Zwei Finger wurden ihm beim Lassowerfen abgerissen. Im ersten Fall fetzte es ihm nur das Fleisch vom Knochen, der junge Cowboy hob den Hautlappen auf, setzte ihn an, der Finger wuchs wieder zusammen. Beim zweiten Unfall wollte es das Schicksal anders. Bob Schwandt hatte kaum begriffen, was geschehen war, da hatte ein Hund den abgequetschten Daumen schon geschnappt und gefressen. Trotz aller Unfälle, trotz aller Wunden, deren Narben ihn für immer plagen werden: Rodeo reitet Bob Schwandt heute noch.

Cowboy würde er nicht mehr sein wollen. Der Unterschied zwischen diesem früheren und dem heutigen Broterwerb als Sattelmacher liegt für ihn freilich nicht in der unverändert gepflegten Illusion, eigentlich gar keiner Arbeit nachzugehen, sondern dem Hobby, sich selbst einen Sattel zu basteln; er liegt auch nicht darin, daß er es schön kühl hat in seiner Werkstatt und mit 1.200 Dollar pro Sattel und damit 1.600 Dollar Monatslohn auch besser verdient als früher; der Unterschied liegt für ihn darin, daß er, derweil der Sattel unter seinen Fingern Gestalt annimmt, Tag für Tag als kleinen Bonus für die investierte Arbeitsleistung auch sein Geschick in dem alten Handwerk verfeinert. "Die Fähigkeit, einen Sattel zu machen, ist in meinem Kopf und in meinen Händen, niemand kann sie mir wieder nehmen."