Manfred Köhler
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Der Aufschwung kam mit dem Wirbelsturm

Eine Audienz beim Bürgermeister ist in Ocean City kein Problem. Wer Mayor Powell begegnen will, muß nur morgens ab halb neun im English Diner vorbeischauen. Während seiner elfjährigen Amtszeit ist kaum ein Tag vergangen, an dem der Bürgermeister sein Frühstück nicht in dem traditionsreichen Restaurant an der Philadelphia Ave eingenommen hätte.

Daß es dem Mayor im English Diner besonders gut schmeckt, trifft sich gut: 90 Prozent der Gäste hier sind Touristen, und so kann Powell Urlaubers Stimme im English Diner besonders deutlich vernehmen. An diesem Tag im Oktober allerdings sind der Bürgermeister und seine drei Freunde - darunter der 85jährige Altbürgermeister Cropper - fast allein im Restaurant. Ohne die rund 350.000 Touristen, die jeden Sommer durch Ocean City geschleust werden, wirkt der English Diner, wirkt die ganze über zehn Meilen lange Stadt mit ihren nur 7.000 Einwohnern wie verwaist. Fast ist es wieder so wie in den dreißiger Jahren, als Ocean City noch ein kleines Fischerdörfchen war.

Damals, als Powell hier zur Schule ging, zählte sein Heimatort nicht einmal 1.000 Einwohner. In dieser Zeit allerdings wurde, wenn auch auf recht rüde Art, die Voraussetzung für die spätere Entwicklung geschaffen: 1933 trieb ein Wirbelsturm eine Verbindung vom Ozean zur Bucht ins Ufer und setzte den 1875 gegründeten Küstenort Ocean City an die Spitze einer langgestreckten Halbinsel. Zudem schwemmten die dem Sturm folgenden Flutwellen Massen weißen Sandes an und verlängerten den Strand fast ums zehnfache.

Nach drei Seiten von Wasser umflutet, hatte das verschlafene Fischerdorf wegen seiner neuen, sicheren Hafeneinfahrt plötzlich einen ganz besonderen Reiz für Sportangler. Eigentums-Ferienwohnungen wurden schneller verkauft, als sie gebaut werden konnten. Der herrliche weiße Sand der Strände lockte zudem Tausende von Badegästen an diesen Teil der Atlantikküste.

Die Explosion zur Touristenmetropole vor allem für das Einzugsgebiet Washington, aber auch für die Staaten New Jersey, Ohio und sogar New York begann in den 60er Jahren. Wegen der räumlichen Enge verlagerte sich der Boom allerdings die Halbinsel entlang nach Norden. Des Bürgermeisters Lieblingsdiner folgte dieser Entwicklung: 1939 im alten Ocean City eröffnet, verpflanzten die Besitzer das Lokal in den 60ern in Richtung Mitte der Halbinsel -- direkt an die neue Hauptstraße und mitten hinein zwischen die wie Pilze aus dem Boden schießenden Bettenburgen.

Der Highway 50 spielt für die Entwicklung von Ocean City eine besondere Rolle. Auf ihm drängen seit Beginn des Booms Jahr für Jahr die Autos Zehntausender von Touristen aus dem Westen über die 1952 gebaute, die Bucht überspannende Harry-Kelly-Memorial-Bridge in die Stadt. Bürgermeister Powell ist überzeugt davon, daß der Ansturm über die Route 50 nach Ocean City nicht nur anhalten, sondern weiter zunehmen wird - auch dann noch, wenn er längst als Pensionär am Frühstückstisch des English Diners sitzen wird.