Manfred Köhler
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Filmschauspielerin als Fremdenführerin

Zerzaust ist ihr Haar, befleckt ihr Kleid. Mrs. Dale aus Pennsylvania hat Indianer den Skalp vom Kopf ihres Mannes schneiden sehen. Ihre Kinder verschleppt, sie selbst nach Tagen der Marter geflohen, gepeinigt von Moskitos und Unwettern, von Klapperschlangen und Skorpionen attackiert. Geritten ist sie bis zur Erschöpfung, und in Bent’s Old Fort, endlich, hat sie Zuflucht gefunden.

Seit vielen Jahren schon schlüpft Betty zweimal täglich in die Rolle der "Captive White Woman", der von Indianern verschleppten Siedlerin Mrs. Dale. Eigentlich ist die 52jährige eine von vier Park Rangers in Bent’s Old Fort, und ihre Aufgabe ist es, Touristen durch die alte Festung nahe der Stadt La Junta zu führen; zur Führung gebeten aber werden die Besucher von einer Frau mit wilder dunkler Mähne, abgetragenem, besudeltem Kleid und unförmigen Mokassins - Betty als Wiederverkörperung der leidgeprüften Mrs. Dale.

Betty ist nicht die einzige der Park Rangers, die ihre Führung als Aufführung gestaltet. Ihre Darbietung ragt dennoch weit heraus: Sie beläßt es nicht dabei zu berichten - sie flüstert, jammert, klagt und schreit; sie beschränkt sich nicht auf verhaltene Gesten - sie hantiert, gestikuliert, krümmt sich im Schmerz oder stampft mit dem Fuß auf. Betty, jede ihrer Bewegungen verrät es, ist nicht Laiendarstellerin, wie ihre Kollegen, sondern professionelle Schauspielerin.

Bevor sie Fremdenführerin wurde, ist Betty, Mitglied der amerikanischen Screen Actors Guilt, als Nebendarstellerin in zahlreichen Fernsehserien und sogar Kinofilmen aufgetreten. In der Westernkomödie "Lightning Jack" von und mit Paul Hogan hatte sie einen Part als Statistin, in "Dream West" spielte sie in einer Nebenrolle an der Seite von Richard Champerlain. In Bent’s Old Fort nun hat Betty ihre erste Hauptrolle gefunden, und sie spielt diese Rolle nicht nur einmal im Leben, sondern zweimal am Tag, fünf Tage die Woche.

Der Alltag in Bent’s Old Fort, wie ihn Indianer, schwarze Dienstkräfte, mexikanische Arbeiter und Händler aus aller Welt vor 150 Jahren erlebten, mehr als durch alle abgewetzten Relikte wird er durch die schauspielerische Leistung Bettys lebendig. Sie begnügt sich nicht damit, anhand der Exponate zu erklären, wie Mexikanerinnen aus Lehm die Ziegel für das Fort modellierten und brannten - sie wirft sich in den Staub, um selbst mit dem alten Werkzeug zu hantieren. Und wenn Betty den Fort-Besuchern vom Tod des Mister Dale erzählt, dann schreit sie die Erlebnisse mit den Worten der Mrs. Dale hinaus, das Entsetzen im Gesicht, das die leidgeprüfte Siedlerin empfunden haben muß, als sie sah, wie kriegerische Indianer den Skalp vom Kopf ihres Mannes rissen.