Manfred Köhler
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Ausflugsziele

Mit Anneliese im Fahrstuhl

Die Fahrstuhlkabine ist für fünf Passagiere angelegt, aber da hat der Konstrukteur nicht mit Anneliese gerechnet. Zu dritt sitzen wir in der engen, gondelartigen Kapsel, Anneliese, ihr lieber Mann und meine Wenigkeit, um uns, an einer Art senkrechtem Förderband befestigt, huckepack zum höchsten Aussichtspunkt von St. Louis schleppen zu lassen. Von außen ist der Gateway Arch die gelungene Verschmelzung aus technischem Meisterwerk und vollendetem Kunstwerk; im Innern ist er einfach eine enge, stickige Röhre, durch die eine Kombination aus Zahnradbahn und Fahrstuhl rattert. Doch darüber scheint sich Anneliese keine Gedanken zu machen.

Zwar hat sie, als Mädel aus dem deutschen Norden 1927 nach St. Louis eingewandert, den Gateway Arch Anfang der Sechziger aus dem Boden wachsen sehen; auf die Idee, sich ihre Stadt auch mal aus 210 Metern Höhe anzuschauen, ist sie erst an diesem Tag gekommen. Doch Annelieses Aufbruchsstimmung treibt noch ganz andere Blüten. Nach dem Gateway-Arch-Trip will sie, Rentnerin im Reisefieber, Kurs auf Hongkong nehmen, und schon im Monat darauf im Land ihrer Ahnen landen. Ihr Mann wirkt schon vom Ausflug auf den Arch ein wenig überfordert.

Anneliese hat aus jedem Fensterchen einen Blick geworfen. Arch abgehakt, jetzt geht es ans Fotografieren. Benötigt werden Aufnahmen von Anneliese mit und ohne Ehemann, von den beiden mit jedem von uns einzeln und mit uns allen zusammen. Zum Schluß das Ganze noch auf Video, Adressen ausgetauscht und ab zum Fahrstuhl. Zu dritt steigen wir ein und wieder aus, während sich nebenan jeweils fünf Besucher in die Kabinen quetschen, wieder herausquellen. Als mich Anneliese zum Abschied gerührt an ihre Brust drückt, kratzen mich die Plastikborsten ihrer Perücke an der Backe.