Manfred Köhler
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Kohlrabi mit Fingerabdrücken

Eine erste Annäherung mißlingt. Die beiden Amish-Buben, etwa zehn Jahre alt, barfuß, lange Hosen mit Hosenträgern, kurzärmlige Hemden, wirrer Haarschopf, sie unterbrechen ihr Spiel, sich im Holzlattenwerfen gegenseitig zu übertrumpfen. Ohne Argwohn, ohne Neugier, einfach emotionslos prüfend betrachten sie kurz die sich nähernden Fremden - und laufen dann davon, um einige Meter um die Ecke ihren sportlichen Wettbewerb wieder aufzunehmen.

Ein wenig später sind wir keine Fremden mehr. Ein Teil der Amish-Gemeinschaft umringt uns, Mädchen in einfachen bunten Kleidern, Jungs wie Männer in den gleichen dunklen Hosen und kurzärmligen Hemden. Die Scheu der beiden Buben ist verflogen. Eine freundlich gestellte Frage an einen der hufeisenbärtigen Amish-Männer hat genügt, um Menschen zweier völlig unterschiedlicher Welten für kurze Zeit im Erfahrungsaustausch zusammenzubringen. Die Verständigung ist leichter als mit anderen Amerikanern: Amish People sprechen schweizerdeutsch, nur bei einigen wenigen Begriffen behelfen sie sich mit englischen Wörtern.

Ein derber Holzzaun neben einer alten Scheune ist der Ort unseres Gesprächs. Zwischen den Latten hocken und lümmeln die Amish-Bengels, barfuß und rotznasig stehen die Mädels in ihren gelben, blauen, grünen und roten Kleidern daneben. Ein alter Mann mit grauem Bart, den typischen runden Amish-Hut auf dem Kopf, vorsichtiger in seiner Art, aber um nichts weniger neugierig auf uns Fremde, lehnt zwischen den Kindern am Zaun. Einzigartig wäre eine Aufnahme von dieser urig-fröhlichen Dorfgemeinschaft, aber fotografiert werden wollen die Amish ausdrücklich nicht.

Das einzige Tabu, das uns auferlegt wird. Ansonsten können wir uns frei in der Siedlung bewegen, und alle Fragen, die wir stellen, werden gerade heraus und vollständig beantwortet, während man uns mit einem klobigen Taschenmesser Kohlrabi-Scheiben abschneidet, auf denen dick die Fingerabdrücke der Gastgeber prangen. Die Amish-Männer, gerade von der Feldarbeit zurück und noch nicht zum Händewaschen gekommen, erzählen von ihrem Alltag. Aus dem Bett um fünf, auf dem Acker den ganzen Tag, schlafen gehen um neun. Dazwischen üppige Mahlzeiten, Gespräche über Belanglosigkeiten. Den Jahresablauf gliedern christliche Feste wie Weihnachten oder Ostern; Halloween wird übergangen. Mangels eigener Kirchen versammeln sich die Amish sonntags in Privathäusern zum Gottesdienst - bis zu 100 Gemeindemitglieder in Gebäuden, von denen keines größer ist als ein durchschnittliches Einfamilienhaus. Zu Hochzeiten finden sogar bis zu 600 Gäste im Anwesen der Brauteltern zusammen.

Die Amish führen ein zurückgezogeneres und einfacheres Leben als die meisten Amerikaner, doch an Übereinstimmungen fehlt es nicht. Die Kinder lernen in ihren Schulen lesen, schreiben und rechnen, wie alle anderen kleinen Amerikaner auch. Ihre naturverbundene Lebensweise bewahrt die Amish People nicht vor Krankheiten wie Schnupfen oder Krebs; die ärztliche Behandlung wird aus der Dorfgemeinschaftskasse bezahlt, in die jede Familie 200 Mark im Vierteljahr einbezahlt. Und zumindest in der Amish-Gemeinschaft, die wir kennengelernt haben, benützen die Menschen so manches technische Gerät, wenn auch mit seltsamen Einschränkungen. Traktoren zum Beispiel sind erlaubt, allerdings nur zum Betreiben von Förderbändern, nicht zur Feldarbeit selbst. Telefone in den Häusern sind verpönt, Münzapparate aber dürfen benutzt werden. Und, kuriosestes Beispiel: Die Fenster eines der Häuser wurden während unseres Besuches per Dampfstrahler geputzt.

Auto fahren die Amish grundsätzlich nicht. Als Fortbewegungsmittel dienen Einspänner in allen Variationen, Buggies genannt, die jede Amish-Gemeinschaft vor Ort selbst herstellt. Ein kleines Buggie-Erlebnis beim Aufbruch beantwortet uns eine Frage, die wir im Gespräch zu stellen vergessen haben: ob die genügsamen, rund um die Uhr fleißigen und schon im Kindesalter disziplinierten Amish-People auch mal so richtig Spaß haben können. Denn als wir im Auto über den Kiesweg zurück zum Highway 50 knirschen, staubt vor uns her eine übermütig johlende Kinderschar auf einem offenen Einspänner in den Sonnenuntergang.