Manfred Köhler
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Die fünfte Zeitzone der USA:
Uhr 200 Jahre zurückstellen

Das Geräusch ist Jahrhunderte alt: Hufgetrappel, begleitet vom Knirschen und Mahlen eisenbeschlagener Räder auf steinigem Untergrund. Ein schwarzes Pferd vor einem schwarzen Einspänner trabt über den Kiesweg. Hinter den Scheiben der einsitzigen, überdachten Kutsche ein kleines, weißes Frauengesicht unter schwarzer Haube, den Blick starr geradeaus gerichtet. Das Pferd wirft den Kopf herum und trabt weiter, die Kutsche verliert sich in einem blassen Schleier aus mehligem Kiesstaub.

Buggies heißen die Einspänner bei den Amish People, einer Religionsgemeinschaft, die vor 200 Jahren aus ihrer Schweizer Heimat vergrault wurde, in den Vereinigten Staaten heimisch geworden ist und eisern zu ihren Traditionen steht. Seit ihrer Auswanderung haben die Amish den technischen Fortschritt weitgehend ignoriert. So sind die Buggies auch in der 30 Familien starken Amish-Siedlung bei Montgomery/Indiana das einzige Transport- und Fortbewegungsmittel, geackert wird noch mit dem Pflug.

Die Amish bei ihrem Tagwerk zu beobachten, weckt zwiespältige Gefühle und Gedanken. Sie verweilen trotzig in Sackgassen der technischen Evolution, verweigern sich dem Fortschritt, erhalten dadurch aber ein Stückchen Land, in dessen Boden keine Gifte sickern und aus dem keinerlei Abgase in den Himmel steigen. Den Kindern wird ihr Lebensweg von der Gemeinschaft vorgegeben, künstlerische, technische, politische Talente können nie entdeckt und erweckt werden, sie verkümmern; doch die Kinder wachsen in der freien Natur auf, kennen keinen Schulstreß, keine Modetrends, denen sie sich unterwerfen müßten, und auch wenn sie erwachsen sind, bleiben ihnen Leistungsdruck oder Vereinsamung unbekannt. In der gesamten Amish-Siedlung finden sich keine verhärmten Egoisten. Zwar bestehen zu Fremden im ersten Moment Berührungsängste; ist aber die Kluft der 200 Jahre erst einmal durch ein Lächeln und ein paar freundliche Worte überbrückt, dann erweisen sich die Amish als offene, fröhliche Menschen, die an allem, was außerhalb ihrer Gemeinschaft passiert, lebhaft interessiert sind.