Manfred Köhler
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Aufgewachsen im Freilichtmuseum

Manchmal ist Mrs. Bleeds geneigt, ihre Tochter Aimee vor die Tür zu setzen. Dann nämlich, wenn sich die 14jährige Schülerin allzu sehr hinter ihren Büchern verkriecht und, wie ihre Mutter nicht müde wird zu klagen, das Leben an sich vorüberziehen läßt. Dabei ist Aimee durchaus nicht nur Bücherwurm und Stubenhocker: Jedes Wochenende und ihre gesamten Sommerferien verbringt sie im Freien unter Menschen; allerdings finden sich in dieser Gemeinschaft, in die sie sich begibt, selten Gleichaltrige, und das Leben, das sie regelmäßig über ihr eigenes stülpt, liegt schon fast 200 Jahre zurück.

Aimee aus Salem in West Virginia ist als Volontärin Mitglied eines siebenköpfigen Historiker-Teams und in dieser Funktion Ansprechpartnerin für Touristen, die das Freilichtmuseum "Fort Salem" auf dem Gelände der Universität Salem besichtigen. In dem jahrhundertealten Hüttenkomplex, der aus allen Teilen der Region zum Musterexemplar einer frühen Fort-Anlage zusammengetragen worden ist, demonstriert Aimee als Spezialistin für die Druckerpresse, wieviel Aufwand es einst erforderte, Flugblätter unters Volk zu bringen.

Seit sie elf Jahre alt ist weiß die junge Amerikanerin genau was sie will: Geschichte studieren und dann als Historikerin an einem Ort wie Fort Salem arbeiten. Umgeben von wurmstichigen Holzwänden, im Umgang mit den groben Werkzeugen vergangener Tage fühlt sich die 14jährige so wohl, daß sie sich manchmal wünscht, die Gegenwart verlassen und 200 Jahre zurückreisen zu können. Von diesem Traum kann sie nicht einmal der Anblick des Prangers abbringen, der in Fort Salem an weniger gute alte Zeiten erinnert - und auch nicht das Wissen, daß manche Gesetzesbrecher daran mit den Ohren angenagelt wurden. Aus ihren Geschichtsbüchern liest Aimee sich positive Aspekte solch rüder Methoden zurecht, und daß gerade sie als 14jähriges Mädchen damals kein allzu leichtes Leben gehabt haben würde, kann ihr die Gegenwart nicht schmackhafter machen als die Vergangenheit: "Weniger Freiheit zu haben, kann einem auch viel Ärger ersparen."

Ihre Freundinnen, die derlei Ansichten nicht unbedingt teilen, vertreiben sich die Zeit bevorzugt mit Fernsehschauen, während Aimee hinter ihren Büchern brütet oder im historischen Kostüm Touristen durch Fort Salem führt. Ihre Mutter ist über so viel Eifer nicht immer glücklich, aber wenn das Freilichtmuseum am Abend schließt und sie ihre Tochter abholt, sieht Mrs. Bleeds dann doch nicht aus wie eine Frau, die völlig unzufrieden ist mit dem, was der Nachwuchs als Zeitvertreib bevorzugt - eher wie eine Mutter, die zwar anderer Ansicht ist, womit 14jährige Mädchen sich beschäftigen sollten, die aber dennoch anerkennt, daß Aimee in Fort Salem wie in einer großen Familie geborgen ist und das Leben nicht an sich vorüberziehen läßt, sondern, im Gegenteil, auf ihre Art voll auskostet.