Manfred Köhler
Romane
Sachbücher
Texte
Lesungen
Kontakt
Links
Ausflugsziele

Müll von höchstem Wert

Aus dem Erdloch ragen Büffelhorn und Bettgestänge, Knochen, Nägel, Stacheldraht. Wüst verschlungener Müll, verbeult und verwittert, aber eine Goldgrube könnte für Richard nicht aufregender sein. Historischer Archäologe lautet sein Titel frei übersetzt, Ausgrabungsleiter ist er in Boggsville, einem vor Jahrzehnten aufgegebenen Dorf bei Las Animas im Südosten Colorados, und sein Ziel ist es, herauszufinden, wie die Menschen hier vor 100 und mehr Jahren gelebt haben. Nichts könnte ihm darüber mehr erzählen als der Müll, den sein Team mit Pinselchen und kleinen Kellen aus einer jahrzehntelang als Abfallgrube genutzten Zisterne zurück ans Tageslicht holt.

Denn die Lehmziegel-Häuser waren längst in den Jahr für Jahr wiederkehrenden Überschwemmungen des Burgatoire Rivers dahingeschmolzen, als man das einstige Dörfchen zum archäologischen Ausgrabungsort erklärte. Warum es, bei der reichen Auswahl an Geisterstädten und -dörfern in Colorado, gerade Boggsville sein muß, in dessen Müll man stochert, hat mehrere Gründe, allen voran die enge Verbindung des Dorfes zur unweit gelegenen, überregional bedeutsamen Handelsstation Bent’s Old Fort, die vom gleichen Ausgrabungsteam archäologisch untersucht und wieder aufgebaut worden ist.

Doch das Interesse der Forscher reicht über lokale Verflechtungen hinaus. Richards Vision ist es, mit den Daten, die er in Boggsville sammelt, amerikanische Geschichte auf archäologischer Ebene neu zu schreiben und damit die historischen Überlieferungen zu erhärten - oder über den Haufen zu werfen. Was in der Zeit der Eroberung des Westens passierte, sagt der Ausgrabungsleiter, sei weitaus vielschichtiger gewesen als die Klischees des gängigen Geschichtsbildes vermuten lassen. Der weiße Mann kam, sah und unterdrückte - gerade in Boggsville könne davon nicht die Rede sein, wohnten hier doch Europäer, Indianer und Mexikaner in der winzigen Lebensgemeinschaft des Dorfes gleichberechtigt zusammen, verschmolzen zu Familien, zu Keimzellen einer übergeordneten Nation.

Dieses Boggsville haben die Archäologen vor Augen, wenn sie zu Spachteln und Pinselchen greifen. Und da ihnen der Fluß vom Dorf selbst nichts zu forschen gelassen hat, da Müllhaufen zudem schon immer zu den charakteristischen Spuren gehörten, die Menschen hinterlassen, ist die alte Zisterne für Richard und sein Team eine wahre Goldgrube.