Manfred Köhler
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Bluttriefende Westernlegende

Früher galt Coolidge als rauhe Westernstadt, Mord und Totschlag an der Tagesordnung; heute hoppeln kleine Wildhasen über die Hauptstraße. Früher war das Gymnasium ein Ort der Bildung; heute schlagen die Coolidger in dem Gebäude ihre Zeit mit Bingo tot. Früher ragte der 1886 gebaute Wasserturm aus dem Zentrum der 2.000-Einwohner-Stadt; heute leben die verbliebenen 100 Bürger weit verstreut, und um den ausgetrockneten Ziegelturm mit seinen klaffenden Rissen hat sich wieder Prärie breit gemacht.

Die Grundrisse der damaligen Häuser sind an manchen Stellen noch zu erahnen. Am letzten Gebäude aus der Wild-West-Zeit, einem Eckhaus in der einstigen Bahnhofsgegend, neigen sich schon die Wände. Früher pulsierte hier das Leben, vom Bahnhof bis hinauf zum Wasserturm; heute hat Coolidge keinen Bahnhof mehr, und was mal Hauptstraße war, macht sich zwar auf den Weg in Richtung Wasserturm-Ruine, versandet aber auf halber Strecke in der Prärie.

Wo der Bahnhof gewesen sein muß, schmiegen sich zwei Silos an die Schienen. Daß hier der Schauplatz der blutigsten Auseinandersetzung in der Geschichte von Coolidge gewesen sein soll, überfordert die Phantasie. Outlaws, so will es die Legende, hätten einst den Sheriff mit dem Messer aufgeschlitzt. Weil es schon damals in Coolidge keinen Arzt gab, legte man den schwer Verwundeten in ein Zugabteil, und während der Fahrt in den Nachbarort mußte er sich selbst die hervorquellenden Eingeweide in den Bauch zurückpressen. Der Gesetzeshüter überlebte.

Heute würde der Sheriff, wenn’s in Coolidge noch einen gäbe, im Vertrauen auf die Bahn verbluten. So wie die Stadt ausblutete, kaum war sie von der Zugverbindung abgeschnitten. Die einzige Lebensader, an der Coolidge heute noch hängt, ist die Schulbuslinie nach Syracuse.

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