Manfred Köhler
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Cisco - die Geisterstadt lebt

Noch gehört Cisco nicht den Geistern. Eisern klammern sich Menschen an die kleine Stadt im Osten Utahs, fristen ihr Leben bei flirrender Wüstenhitze inmitten verfallener Häuser, eingegraben von Staub und Müll.

Eine klassische Geisterstadt wäre Cisco auch dann nicht, hätten die letzten Einwohner die Einöde verlassen. Denn donnernd schieben sich Stunde für Stunde, geschleppt von laut tutenden Lokomotiven, endlos lange Güterzüge an den Ruinen vorbei; und der alte Highway 50, in seiner Überland-Funktion abgelöst vom benachbarten Interstate 70, wird zumindest vom Nahverkehr noch angenommen.

Und dennoch: Die Zeit, in der Cisco Heimat genannt werden konnte, ist lange vorbei. Stachlig-sprödes Tumble Weed wird vom Wind an bis zur Unkenntlichkeit zerknüllten Autoleichen oder bröselnden Wänden vorbeigetragen, verfängt sich in Kellerlöchern wie in Fallgruben. Die meisten Häuser sind, vor vielen Jahren in sich zusammengestürzt, nur mehr als Hügel zu erahnen, und wo noch Ruinen in den Himmel ragen, würde der Verfall echten Geisterstädten alle Ehre machen: In Fetzen hängt die Dachpappe durch die Löcher der eingestürzten Decken, Mauerrisse, klaffen so weit auseinander, daß sie Schießscharten gleichen. Andere Wände, ganze Fassaden, liegen vor den Gerippen ihrer Häuser in Trümmern, und die Bruchstücke offenbaren, demaskiert von Putz und Tapeten, das Alter: Lehm, geschalt mit dünnen Brettern, schützte die Gründer vor der Wüstensonne; die jüngeren Generationen Ciscos setzten auf Glaswolle als Hitzepuffer.

Warum Alte wie Junge ihre Häuser verließen, wohin sie geflohen sind? Der Schrott birgt keinen Hinweis. Manche aber hatten wohl Hoffnung auf Rückkehr: Bretter vor den Fenstern sollten ein Eigentum schützen, das mit dem Wegzug nicht ganz aufgegeben war. Cisco, es stirbt nicht an Überalterung - der Stadt muß auf der Höhe ihres Wachstums der Lebensnerv gekappt worden sein.

Ob die früheren Einwohner Ciscos noch immer an eine Heimkehr denken? Mit Brettern vernagelte Fenster haben ihre Häuser nicht vor Plünderung und Vandalismus schützen können. Eine Tankstelle gegenüber dem einstigen Bahnhof wurde besonders schwer heimgesucht. Die Zapfsäulen: nur noch Skelette. Die Scheiben hinter den Brettern: bis auf die letzte Scherbe zerschlagen. Die Türen: eingetreten und zu Kleinholz zertrümmert. Diffuser Schutt bedeckt den Boden, Deckenbalken staken in den Raum. Auf dem Tresen steht eine leere Bierflasche jüngeren Datums, stummer Zeuge für eine der Zerstörungsorgien und damit für das Schicksal Ciscos: Die dahinsiechende Wüstenstadt fällt nicht, sie wird getreten. Mit plötzlicher Wucht zu Boden geschlagen, muß Cisco im Todeskampf weiter schwere Hiebe einstecken.

Die Verwüstung hat die Bewohner der letzten beiden intakten Gebäude Ciscos wachsam werden lassen. Auf der Tür einer alten Ranch schreit jedem Besucher in Riesenlettern entgegen: "Private Property - keep out!" Und um das andere Haus, nicht minder verwahrlost, aber durch eine gewaltige Satellitenschüssel als bewohnt zu erkennen, streicht ein schwarzer Hund. Zwischen diesen beiden Baracken der letzten Einwohner erstreckt sich eine weite Fläche totgetretener Anwesen.

Nur wer sich vom Gekläffe des Hundes nicht einschüchtern läßt, kann gegenüber der Satellitenantenne die kurioseste Entdeckung machen, die Cisco zu bieten hat: ein winziges, weiß gestrichenes Postamt mit 26 tadellos intakten Schließfächern. Es wirkt wie eine letzte Bastion der Lebenden in einer Stadt, die schon lange dahinsiecht und kurz davor steht, ihren Geist aufzugeben. Schon heute ist Cisco mehr tot als lebendig. Die letzten Einwohner, die es noch geben soll, lassen sich nicht blicken. In dem knackenden und ächzenden Trümmermeer, dem für das Prädikat Geisterstadt nur die Abgeschiedenheit fehlt, scheint es, als wären gerade sie die Phantome.

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