Manfred Köhler
Romane
Sachbücher
Texte
Lesungen
Kontakt
Links
Ausflugsziele

Von Skagway nach Dawson City

Ein einziger Vorteil war es, der über Leben und Tod entschieden hat. Bevor dieser Vorteil greifen konnte, konkurrierten die beiden Nachbarstädte Dyea und Skagway darum, wer die meisten Goldsucher durchschleuste auf deren Weg zu den Goldfeldern des Klondike. In beiden Städten legten etwa gleich viele Schiffe an, beide boten den Durchreisenden die gleichen Waren und mit Spielhöllen und Bordells die gleichen Vergnügungen. Und die Trails, die Dyea und Skagway den Goldsuchern als Alternativrouten zum Yukon zur Wahl ließen, Chilkoot Trail und White Pass Trail, waren beide mörderisch. Noch Anfang 1898 zog Dyea die meisten Goldsucher an, denn Skagway galt wegen des dort hausenden Banditen Soapy Smith als Verbrechernest. Im Sommer 1899 wurde das Rennen dann abrupt entschieden: Auf der neuen Eisenbahnlinie rollten die ersten Züge von Skagway nach Bennet, und damit mußte sich niemand mehr über die Trails schinden. Soapy Smith, den so viele gefürchtet hatten, war längst unter der Erde. Damit gehörte Skagway die Zukunft. Innerhalb weniger Tage wurde Dyea zur Geisterstadt.

Das Ergebnis des Konkurrenzkampfes wirkt bis in die Gegenwart. Skagway hat sich, seit der Goldrausch vorüber ist, zu einer Mega-Touristenstadt entwickelt, im Hafen legen mehrmals täglich riesige Ozeandampfer an, in den Straßen wimmelt es vor Menschen, die Hotels sind meist überbelegt. Von Dyea sind nur noch ein paar Fundamente zu erkennen, die Stege des einstigen Hafens sind zu Stümpfen verrotet. Das Nebeneinander von Rummel und Relikten macht heute den Reiz der beiden einstmaligen Konkurrenten aus. Und es gibt noch viel mehr zu entdecken. Wer sich die Mühe macht, die alten Goldsucher-Trails zu erwandern, der findet auch dort so manches Überbleibsel, findet Hufeisen, Dosen, sogar Schuhe aus der Zeit des Goldrausches - damals wild in die Gegend geworfener Müll, heute ein Sammelsurium historischer Schätze, die man ausdrücklich liegen lassen soll.

Entlang der waghalsig in den Fels geschlagenen Bahnlinie, die Dyea einst den Garaus machte, führt der Klondike Highway von Skagway nach Whitehorse. Zwischen der Seite der Schlucht, auf der sich die Straße schlängelt, und der Bahnlinie auf der anderen Seite, verläuft, deutlich zu erkennen, der White Pass Trail - ein steiler Gebirgspfad, über den jeder Goldsucher eine Tonne Verpflegung und Material zu transportieren hatte.

Freiluft-Historisches aller Orten: Nach der Grenze zu Yukon klebt in der einsamen Bergwelt eine alte Silbermine am Fels. Nur zwei Jahre war die weitläufige, mit Wellblech verkleidete Anlage in Betrieb - 1908 mußte die Mine wegen zu geringer Ausbeute schließen.

Als Schweiz des Nordens ist die Gegend um Carcross bekannt. Das Örtchen mit seinen 300 Einwohnern war früher ein wichtiger Verkehrspunkt, stiegen doch hier die Goldgräber auf ihrem Weg zum Yukon von der Eisenbahn aufs Schiff um. Damals hieß Carcross noch Caribou Crossing. 1903 reichte der damalige Pfarrer eine Petition bei der Regierung ein, das Städtchen wegen Namensgleichheit mit anderen Orten umzubenennen. Weil tatsächlich oft genug die Post durcheinandergeraten war, gab man dem Ersuchen auch schleunigst statt. Nur die Eisenbahn beharrte noch 13 weitere Jahre auf dem alten Namen.

Neben seiner sehenswerten historischen Häuser hat Carcross noch zwei besondere Attraktionen zu bieten: den Vergnügungspark "Frontierland"; und die "Carcross Desert". Der Highway läuft mitten durch diese "Kleinste Wüste der Welt", deren Sanddünen im Sommer so heiß werden, daß Barfußlaufen fast unmöglich ist. Noch halb in der Wüstenlandschaft liegt die "Cinnamon Cache Bakery". Die Betreiber dieses Zimtgebäck-Cafés wirken träge, bedienen aber zügig und lehnen Trinkgeld strikt ab: "Wir arbeiten alle hart!"

Nach rund 160 Kilometern unterbricht sich der Klondike Highway auf seinem Weg nach Norden. Für ein kurzes Stück mündet die Straße in den Alaska Highway, erst hinter Whitehorse zweigt der Klondike Highway wieder als eigenständige Route ab. Wem an Trubel gelegen ist, der sollte sich in Yukons Metropole Whitehorse nochmal austoben - denn auf den über 500 Kilometern hoch nach Dawson City ist der Klondike Highway nahezu menschenleer. Kein Wunder: Ganz Yukon - immerhin ein Gebiet so groß wie halb Alaska - hat nur 33.000 Einwohner; und 24.000 davon leben in Whitehorse.

Zu den großen Orten zählt in Yukon schon Carmacks mit seinen 450 Einwohnern. Tatsächlich ist die Reklame-Meile am Ortseingang so bunt und vielfältig wie die einer Großstadt. Der gleiche Wirbel auch vor Pelly Crossing. Stewart Crossing taucht unvermittelt auf - und besteht nur aus einer Tankstelle und einem Campingplatz. Auf dem restlichen Weg nach Dawson City liegen noch eine Lodge, eine Rastanlage, ein Café und viel viel Wald. Dann endlich das ersehnte Ortsschild. Statt Häuserzeilen durchquert der Highway jedoch erstmal eine endlose Mondlandschaft durchwühlten Kiesbodens. Die Maschinen, mit denen hier nach Gold gegraben wurde, heißen Yukon Gold Dredge und sehen aus wie gestrandete Schaufelrad-Dampfer.

Wer Dawson City von historischen Fotos her kennt, erlebt eine Überraschung: Er sieht die gleichen Straßenzüge wie damals, die gleichen Häuser. Wie es sich für eine Westernstadt gehört, sind die Straßen nicht geteert, Holzgehsteige laufen an den Häuserzeilen entlang. Doch natürlich ist dieses Dawson City nicht das von damals, auch wenn es genauso aussieht. Überschwemmungen und Feuersbrünste haben die einstige Hauptstadt Yukons heimgesucht, vor allem ein Phänomen aber hat dafür gesorgt, daß sich die früheren Häuser nicht halten konnten: Die beheizten Gebäude haben den Permafrostboden aufgetaut, sind eingesunken und mit der Zeit zusammengestürzt. Die heutigen Häuser sind daher alle auf tief in den Boden reichenden Holzpfählen errichtet. Nur drei Bauwerke ohne diesen Permafrost-Schutz hat man aus alten Tagen stehen lassen, sie hängen an der Straße wie taumelnde Zecher.

Eine Brücke über den Yukon gibt es nicht, man muß mit der Fähre übersetzen, wenn man den Top of the World Highway fahren will. Man sollte ihn fahren! Die 154 Kilometer bis zum Taylor Highway sind wie ein Flug, wie eine Achterbahnfahrt über das ineinander verschlungene blaugrüne Zickzackmuster der Gebirgszüge. Jedes Auto, erst recht jeder Truck, der entlang der Bergrücken über diese Piste fährt, zieht über Hunderte von Metern eine weiße Staubwolke hinter sich her.

Der heutige Top of the World Highway wurde während des Goldrausches als Packeselpfad angelegt, um von Dawson City aus die benachbarten Goldfelder versorgen zu können. Erst 1930 wurde der Pfad bis zur Grenze Alaskas als Highway ausgebaut, weitere zehn Jahre dauerte es, bis die Straße unweit des Örtchens Chicken an den Taylor Highway herangeführt und damit die Verbindung zum Alaska Highway hergestellt wurde. Nun endlich, so heißt es auf einer Schautafel am Top of the World Highway, hatte Dawson City eine Autoverbindung zur restlichen Welt.