Manfred Köhler
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Ausflugsziele

Von Tok nach Homer, Hope und Seward

Von Bergen und Urwald durch die Großstadt Anchorage zum Meer - dieser Highway zeigt alle Seiten Alaskas. Zwischen Tok und Glennallen ist es die Einsamkeit der Wildnis, sind es die borstigen, zerzausten Fichten und die schweigenden Wrangell Mountains, mit denen man die Fahrt in der Erinnerung verbinden wird. Auf dem Weg nach Palmer ist es der Matanuska-Gletscher. Von den Chugach Mountains herab kriecht dieser Fluß aus Eis wie ein Krakenarm ins Tal.

Aus der Ferne wirkt der Gletscher wie ein schlaffer, schmutziger, zusammengesackter Kuchenteig. Eisige und laue Winde schleichen sauber geschieden über das Moränenfeld, man spürt es kalt an den Händen, zugleich warm im Gesicht. Hunderte von Rinnsalen zerfurchen das Trümmerfeld aus Steinen, Kies, Sand und Eisfeldern, mit dem der tauende Riese sich auf seinem Rückzug umlagert. Aus Stein mit Eis wird Eis mit Steinen. Von allen Seiten scheint das Knirschen der eigenen Schritte zu kommen. Immer gleißender wird das Licht, das Glitzern immer schmerzhafter für die Augen. Auf dem Eis, neben dem Eis, unter dem Eis tröpfelt und fließt und strömt das Wasser. Aber von wegen schlaff, schmutzig und zusammengesackt!

Dieser Panzer aus Eis ist mit Steinen nicht mal anzukratzen. Meterweit ins Leere ragende Schollen, zentimeterdick nur, tragen leise stöhnend ein Menschengewicht. Das Flüstern von Rinnsalen verstärkt dieser wuchtige harte Leib zu krötenhaftem Knarzen, zu einem tief aus dem Bauch des Eises aufsteigenden Stöhnen. Die eisige Gewalt des Gletschers strahlt ab über Hunderte von Metern, eine Viertelstunde muß man laufen, bis im grauen Einerlei der Moräne zarte Gräser zu entdecken sind, winzige Spinnen, schließlich kleine Sträucher.

Der steingraue Matanuska River, der Zusammenfluß aller Rinnsale des Gletschers, begleitet den Glenn Highway bis Palmer. Breit wie ein See wird er zeitweise, reißt ganze Baumstämme mit sich, zweigt sich auf in ein Netz von Bächen, nagt tiefe Schluchten in alles Land, das ihm in den Weg kommt.

Während hier im Tal die Lupinen in leuchtend blauer Blüte stehen, hat sich oben am Hatcher Paß, auf der anderen Seite der Stadt Palmer, der Winter noch nicht vertreiben lassen. Die Menschen, die hier noch in den Vierziger Jahren in windigen Holzhäusern rund um die Independence Mine lebten, waren an die Kälte gewöhnt. Fotos aus dieser Zeit zeigen Frauen in kurzärmeligen Kleidern im Schnee stehen, nackte Beine, an den Füßen Schneeschuhe. Sogar eine eigene Schule für die insgesamt neun Kinder hat es gegeben; und, laut Informationstafel, im Haus des Managers Kühlschrank, Klima-Anlage und künstliches Kaminfeuer. Heute sind die Häuser ausgeräumt, halb verfallen, eine romantische Geisterstadt im Schnee. Dabei soll das meiste Gold noch immer im Berg versteckt sein...

In und rund um Palmer kann man sich lange aufhalten. Zu empfehlen sind die Moschusochsenfarm, vor allem aber das etwas weiter südlich gelegene Dorf Eklutna mit seiner russisch-orthodoxen Kirche St. Nicholaus und dem Athabasken-Friedhof mit den bunten Geisterhäusern auf den Gräbern.

Tage beschäftigt ist man erst recht in Anchorage, der größten Stadt Alaskas. Wunderschön, lebhaft und vielfältig ist die Innenstadt, winzige russische Kirchen kauern neben Wolkenkratzern aus Glas, Totempfähle ragen vor Großkaufhäusern in den Himmel, Wandgemälde erstrecken sich über ganze Straßenzüge.

Die Nummer 1 behält der Highway auch südlich von Anchorage, sein Name aber wechselt von Glenn Highway zu Seward Highway. Die Kenai-Halbinsel, die diese Straße erschließt, gilt als die landschaftlich reizvollste Gegend in ganz Alaska. Und als Tierbeobachtungs-Paradies: Wale in den Meeresbuchten, Dallschafe an den Hängen, Elche in den Flüssen - und Bären mitten auf der Straße. Für zwei weitere von Alaskas 100.000 Gletschern sollte man sich Zeit nehmen: den in einen Bergsee kalbenden Portage Gletscher im Norden und den Exit Gletscher unten bei Seward.

Viele russische Ortschaften liegen auf der Kenai-Halbinsel - touristisch erschlossene wie Ninilchik, in denen die wenigen verbliebenen russischen Einwohner jedem Besucher aus dem Weg gehen, weil sie die Fragen nach der russischen Vergangenheit Alaskas schon nicht mehr hören können; und winzige, versteckte Dörfer, in die kaum ein Tourist sich verirrt, in denen die Menschen auch im Alltag die bunte russische Tracht tragen und so aufgeschlossen und gastfreundlich sind, daß man beschämt und mit guten Vorsätzen weiterfährt.

Orte zum Wohlfühlen sind auch die Küstenstädte Homer und Seward. Amerikanische Oldtown-Architektur spiegelt sich mit schneebedeckten Bergen im blauen Meer, in den Häfen drängen sich die Boote, abends werden die riesigen Heilbuttleiber gewogen, ausgenommen und frisch zubereitet. Beide haben ihre einzigartigen Attraktionen: Homer den Split, eine nadelförmige Landzunge mit Restaurant-Häuserzeilen wie aus dem Spielzeugland, Seward das Sealife Center, einen Unterwasser-Zoo, in dem die Meeresfauna Alaskas nicht nur für Touristen ausgestellt, sondern vor allem wissenschaftlich erforscht wird. Hätte man mehrere Urlaubstage zu verbringen, man müßte sie aufteilen zwischen Seward und Homer - sie in einer der Städte verbringen, hieße an der anderen etwas zu versäumen.

Untouristisch und gerade deswegem reizvoll ist das Örtchen Hope. Von der einstigen Goldgräber-Boomtown stehen nur noch ein paar Häuser. Die Stadt schrumpfte jedoch nicht wegen Abwanderung zum Dorf, es war das 1964er Erdbeben, das Hope nahezu vernichtete: Drei Viertel der Stadt sanken infolge der Erdstöße unter den Meeresspiegel, nur bei Ebbe tritt das frühere Stadtgebiet aus dem Wasser. Einen Ausflug ist das, was von Hope noch übrig ist, auf jeden Fall wert. Das einzige Restaurant des Dörfchens ist eingerichtet wie eine Hütte in der Hütte, in weitläufigen Regalen stapeln sich Steine, getrocknete Gräser, ramponierte Dosen und rostiges Werkzeug. Etwas grollend tritt der einäugige Wirt seinen Gästen gegenüber, serviert dann aber ein Essen, das die Befangenheit sofort vertreibt. Neben der Erinnerung an Eindrücke wie diese kann man noch eine etwas schrullige Geschichte aus Hope mit nach Hause nehmen: Die Einwohner behaupten, in ihrer Stadt sei Alaskas erster Apfelbaum gepflanzt worden.