Manfred Köhler
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Ausflugsziele

Von Delta Junction
nach Valdez und McCarthy

Steil abstürzende Wasserfälle, blau leuchtende Gletscher, grandiose Bergpanoramen - die älteste Straße Alaskas ist auch zugleich eine der schönsten. Beim ersten Goldrausch 1898 begann die Route auf dem tückischen Valdez-Gletscher und führte nordöstlich zu den Klondike-Goldfeldern. 1902 strömten erneut Goldsucher bei Valdez an Land, diesmal aber machten sie ihren Weg steil nach Norden bis Fairbanks. Diese Route wurde so bedeutend als Verkehrsweg, daß sie 1910 unter Leitung des ersten Präsidenten der Alaska Road Commission, Wilds P. Richardson, zur Wagenstrecke ausgebaut wurde. Daher der Name: Richardson-Highway. 1920 wurde aus der Wagenstrecke eine Autostraße, seit 1957 hat der Highway einen festen Belag.

Es sind zwei Gebirgszüge, die den Richardson Highway während seines ganzen Weges begleiten. Kaum hat man von Delta Junction aus die Alaska Range durchstoßen und hinter sich gelassen, erheben sich im Südosten schon die schneebedeckten Spitzen der Wrangell Mountains. Die Trans-Alaska-Pipeline schlängelt sich auf dem Weg zu ihrem Endpunkt Valdez immer wieder aus dem Wald heraus und verläuft direkt neben der Straße.

Frei zugänglich ist der Worthington Gletscher. Eltern kraxeln mit ihren Kindern über die rutschige Trümmerlandschaft der Moräne und besteigen das brüchige Eis des Gletscherrandes. Der Geschmack des Winters liegt in dem Frosthauch, der über den Gletscher herabkommt; die Büsche die hier wachsen, tragen Ende Juni noch hart verschlossene Knospen.

Winter und Sommer stehen auch auf dem Thompson-Paß nebeneinander an der Straße. Die weitläufigen Schneefelder wirken bröselig, sind aber rauh und hart wie Glas. Von den eisigen Winden über dem Paß lassen sich Weißkopfseeadler über die Felsen tragen. Die Wolken hängen direkt über der Straße, berühren fast ihre eigenen Schatten.

Auf dem Weg hinab nach Valdez wird der Highway zum Hohlweg, verschlugen windet er sich durch enge Schluchten und dichten Mischwald. Aus Höhen, die jenseits des Blickfeldes liegen, stürzen weiß schäumende Wasserfälle hinab in die Schlucht, ihre Gischt spritzt meterweit und sammelt sich auf dem Highway zu Wasserflecken, die niemals trocknen.

Eingeschlossen von schneebedeckten Bergen, liegt Valdez direkt am Meer. 1989 entließ hier der Tanker Exxon Valdez sein Öl ins Meer, das Wasser des Prince William Sunds verschwand unter der schleimigen Giftbrühe, Tiere erstickten zu Tausenden. Es war nicht die erste Katastrophe, die Valdez heimsuchte. Beim großen Erdbeben am Karfreitag des Jahres 1964 fiel die Stadt in Trümmer; was dabei nicht zerstört wurde ging in der Flutwelle unter, die dem Erdbeben folgte. 28 Menschen starben. Von Alt-Valdez ist heute nichts mehr zu erkennen, die Stadt wurde einige Meilen entfernt neu aufgebaut.

Auf dem Weg von Valdez zurück nach Norden zweigt hinter Tonsina der Edgerton Highway ab. Aus dieser geteerten Straße wird, nach knapp 60 Kilometern, bei Chitina eine Piste - die McCarthy Road. Diese 100 Kilometer lange Schlaglochstrecke ist anstrengend, belohnt den Reisenden aber doppelt: mit der grandiosen Landschaft des Wrangell / St.-Elias-Nationalparks, durch den sie führt; und mit der geschäftigen kleinen Westernstadt McCarthy wie auch der gewaltigen Minenruine Kennicott, die das Ziel der Piste sind.

Geisterstadt-Zauber liegt über allen drei Orten, über Chitina, McCarthy, Kennicott. McCarthy aber ist für Spurensucher ein kleines Paradies. Da sind ganze Häuser wie Pakete verschnürt, damit sie nicht auseinanderfallen; da sind andere Häuser vom Fluß halb unterspült, hängen über dem Wasser wie bereit für den letzten Kopfsprung; da führen Treppen mit ihrem verschimmelten Teppichbelag durch eingestürzte Dächer in den blauen Himmel; und da haben Häuser den Kampf gegen Regen und Sturm aufgegeben und sind zum graugrünen Bretterfriedhof zusammengeklappt. Aber das ist nur ein Teil von McCarthy. Viele der Gebäude hat man gestützt und mit frischer Farbe aufgepäppelt, hat man komplett restauriert oder an alter Stelle neu aufgebaut. McCarthy hat den Rückweg eingeschlagen, hat das Geisterstadt-Dasein hinter sich gelassen und erblüht gerade zu einer Stadt, die es schaffen könnte, Touristenmagnet zu werden, ohne zum Disneyland zu erstarren.