Manfred Köhler
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Ausflugsziele

Trapper mit Pickup

Der Ort, an dem David im Winter lebt, läßt sich nur grob lokalisieren: 120 Meilen von Valdez und da wiederum 40 Meilen abseits vom nächsten Dorf. Wo auch immer das sein mag, eins ist klar - die Hütte steht mitten im Busch, fernab jeglicher Zivilisation.

David, 42, ist Trapper, also Fallensteller. Daß er seine Hütte so weit draußen im Urwald Alaskas gebaut hat, ist notwendig, denn um existieren zu können vom Pelztierhandel, muß er seine fünf Fallenwege in einer Länge von insgesamt 600 Kilometern anlegen; in diesem Gebiet dürfen keine Menschen leben, die in die Fallen tappen könnten. Die Abgelegenheit kommt David aber auch entgegen. Er ist am liebsten allein, denn Alleinsein bedeutet für ihn: machen können was man will - und weit entfernt sein von allem Ärger.

Genau aus diesem Grund, weil sie weg wollten von menschlichen Verwicklungen, weil sie einen unkomplizierten Lebensstil pflegen wollten, sind seine Eltern vor Jahrzehnten von Wisconsin nach Alaska gezogen. Zehn Jahre alt war David damals. Von klein auf lernte er Fischer, den Beruf des Vaters - in den Sommermonaten fährt er auch heute noch, wenn auch mit Angeltouristen, hinaus aufs Meer. Seine Kindheit hat er als wirksamen Erziehungsprozeß zur Bescheidenheit in Erinnerung: Das Haus seiner Eltern bot weder Strom noch fließend Wasser. Zu Weihnachten gab es allenfalls Kleidung - Spielzeug hatte er nur, wenn er es sich selbst bastelte.

Im Vergleich zu damals lebt David heute luxuriös. Zu seiner Hütte fährt er mit dem neuen Pickup über eine ausgebaute Straße. Einen Fotoapparat hat er stets bei sich, denn für die Artikel, die er für Fachzeitschriften über das Leben in der Wildnis schreibt, liefert er die Bilder gleich mit. Ausgestattet ist David außerdem mit einem Satelitten-Telefon und, neben seinem Hundeschlitten, mit gleich drei Schneemobilen. All diese technischen Geräte aber, die David da in seinem einfachen Trapperleben zuläßt, sind ihm nicht Spaß und Freizeitbeschäftigung, sondern Überlebensgarantie.

Absolute Sicherheit freilich gibt es in der Wildnis nie. In die bisher gefährlichste Situation seines Lebens geriet David trotz Telefonkontakt zur Außenwelt, trotz seiner Auswahl an exakt gewarteter Fortbewegungstechnik und trotz seiner Mechanikerkenntnisse. Unterwegs zu seinen Fallen ging ihm bei einem Unfall eines seiner Schneemobile irreparabel zu Bruch. 50 Kilometer mußte er sich von der Unfallstelle aus durch knietiefen Schnee plagen, bis er in Sicherheit war.

Die Wildnis verleiden konnte ihm dieses Abenteuer nicht. David will nicht verzichten auf Begegnungen mit wilden Tieren und auf Landschaften, die außer ihm niemand sonst sieht. Draußen in den Wäldern, so sagt er, hat er das Gefühl Gott näher zu sein. Und er ist überzeugt davon, daß seine Hütte ein besserer Platz ist, um Kinder aufzuziehen, als jede Stadt, wo das Fleisch in Plastik eingewickelt und von Hormonen vergiftet sei. Kinder aufziehen - David weiß indes auch, daß es ihm schwerfallen wird, eine Frau für seine Lebensweise zu begeistern. Dauerhaft auf eine Partnerschaft verzichten aber möchte er nicht. David, der im Winter 40 Kilometer Abstand zu anderen Menschen wahrt, hält sich für eines auf keinen Fall: einen Eremiten.