Manfred Köhler
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Frühstück nachts um halb vier

Steves Sitzplatz ist eine kleine Insel von privatem Chaos inmitten geordneter Tischreihen und hochgestellter Stühle, die ihre Beine in Vierergruppen in die Luft strecken. Zeitungsblätter bedecken seinen Tisch, eng mit Notizen beschriebene Kalenderseiten und Prospekte, über all dem Papier eine bunte Kaffeetasse, ein Plastikbecher mit Wasser, ein angebissener Donut. An der Wand direkt daneben braust ein einsamer Airbrush-Eskimo durch eine bläulich-glitzernde Polarwelt.

Im Supermarkt von Palmer ist das Personal in der Mehrheit. Halb vier Uhr früh ist es, die Gebäck-Kringel in den Regalen sind ofenwarm, ein altes Männchen mit Dörrpflaumengesicht und Lärmschützern wie Mickey-Mouse-Ohren schiebt eine Poliermaschine durch die menschenleeren Gänge. Draußen auf dem Parkplatz springt im Dämmerlicht der polaren Sommernacht ein langhaariger Jüngling aus einem Pickup und geht ungerührt einkaufen, derweil er den Motor laufen läßt.

Was Steve mitten in der Nacht in den Supermarkt-Imbiß getrieben hat, bleibt unklar. Vielleicht kommt es in seinen inhaltsreichen Ausführungen nicht vor, vielleicht aber entgeht uns die Information auch nur, weil wir noch wie betäubt sind um diese Zeit, daher noch nicht aufnahmefähig für viele Worte in einer fremden Sprache und für Gespräche, die völlig unvermittelt über uns kommen.

Die Zeitverschiebung steckt uns in den Knochen. Unser verdrehtes Tag- und Nachtempfinden hat uns abends um sieben ins Bett steigen und erstmal wachliegen lassen, dann durch einen wirren Schlaf geschickt und um drei Uhr zurückgeholt - unausgeschlafen, aber unfähig weiterzuschlafen. So fand Steve drei Zuhörer für seine Geschichte: geboren und aufgewachsen in Minnesota, vor 25 Jahren nach Alaska umgesiedelt, zwischendurch Militärzeit als Hubschrauberpilot im oberpfälzischen Grafenwöhr, derzeit in einer Wäscherei in Anchorage beschäftigt, in der Ausbildung zum Privatpiloten und mit einer jungen Frau aus Palmer liiert, daher in Palmer zu Besuch.

Aber warum zu dieser Zeit im Supermarkt, frisch rasiert und gekämmt, in Army-Hosen und Lederjacke - und nicht bei der Freundin? Steve legt mit einer Antwort los, aus der wir allerlei Details über fremde Menschen heraushören, erzählt in einer Vertraulichkeit, als würden wir sie kennen, und formuliert in Wendungen, als wären wir mit der örtlichen Mundart vertraut. Was wir heraushören, springt hin und her zwischen alaskanischer Vergangenheit und Gegenwart, weit entfernt von oder eng verknüpft mit Steves persönlicher Vergangenheit und Gegenwart.

Während wir zugehört und gefrühstückt haben, ist Steves Kaffee kalt geworden. Ein fester Händedruck zum Abschied. Wir bezahlen, wollen hinaustreten in die Nacht, die hier nur der Uhrzeit nach Nacht zu nennen ist. Als wir uns noch einmal umdrehen, kommt hinter uns Steve angelaufen, überreicht uns ein Kärtchen mit einem Flugzeugbild der Alaska Airlines, auf das er seine Adresse geschrieben hat, wünscht uns abermals gute Reise und kehrt dann zurück zu dem kleinen Durcheinander, das er inmitten geordneter Tischreihen ausgebreitet hat, läßt sich nieder neben dem einsamen Eskimo, widmet sich wieder seiner Loseblattsammlung.