Manfred Köhler
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Die Metropole zu Füßen

Unter allen hochgelegenen Häusern, die vom Villenviertel der Stadt Anchorage über das weitmaschig geknüpfte Straßennetz schauen, hat das von Edmund den herausragenden Platz. Vor seiner Holzveranda breitet die ganze Stadt sich aus, sind zu erkennen der Flughafen, die beiden dominierenden Hochhäuser der Innenstadt, die Vororte, der Ozean. Der Lebensraum der 300.000 Einwohner von Anchorage, der Hälfte der Gesamtbevölkerung Alaskas, ist von diesem Ort, wie aus einem Flugzeug, auf einen Blick zu überschauen.

Im Rücken hat das schöne Haus nur Wildnis. Edmund und seine beiden Kinder Andrea und Martin leben direkt am Chugach State Park, haben hinter sich den Flat Top, den meistbestiegenen Gipfel Alaskas. Von Bergen umringt war Edmund schon in seiner Heimat Österreich. Dort aber fehlte ihm die Weite.

1935 im Kleinwalsertal geboren, zog es Edmund daher schon früh aus seinem Dorf fort, weg von seinen Eltern und sieben Geschwistern. Gelernt hatte er im Hotel- und Gaststättengewerbe, im Alter von 18 Jahren aber suchte er im saarländischen Kohlebergbau sein Glück. Deutschland sollte nur eine kurze Zwischenstation werden, Edmund wollte in die Neue Welt auswandern, wollte Pionierarbeit leisten - und weil ihm die USA dafür bereits zu weit entwickelt waren, beantragte er ein Visum für Kanada. Sechs Monate mußte er darauf warten, dann zog er im April 1957 nach Ontario. Der Neuanfang dort war schwer, für die ersten drei Jahre schuftete der junge Einwanderer in einem Uranbergwerk.

Doch Edmund hatte nie vor, sein Leben lang Knochenarbeit zu verrichten. Schritt für Schritt und durch die verschiedensten Berufe kämpfte er sich nach oben. Nach drei Jahren als Berufsfeuerwehrmann machte er in Vancouver eine Ausbildung zum Zimmermann, dann beantragte er ein Visum für Alaska. Ursprünglich wollte er nach Fairbanks. Als aber im Erdbeben vom Karfreitag 1964 halb Anchorage unterging, änderte Edmund seine Planung, denn im Wiederaufbau der Stadt sah er seine große persönliche Chance.

Brotarbeit und Einkommen waren nur ein Aspekt der Ortswahl. Fairbanks hatte es sein sollen wegen der dortigen Universität; doch auch Anchorage hatte damals schon eine Hochschule. Edmund studierte dort Geschichte und Volkswirtschaft, machte seinen Magister im Fach Arbeitsbeziehungen und promovierte schließlich in Soziologie. 1970 wurde er als Dozent an der Universität von Anchorage eingestellt, übte diesen Beruf bis 1990 aus.

Die einzige Erwerbsquelle war seine Lehrtätigkeit nicht. Während der Wintermonate, in denen die Universität geschlossen ist, baute Edmund sich ein eigenes Unternehmen auf. Die Wahl des Gewerbes war Zufall: Der junge Hochschullehrer hatte sich 1972 Grundbesitz in der bei Anchorage gelegenen Ortschaft Glen Alps gekauft. Die Straßen und Pisten dort waren in miserablem Zustand, und schon damals war abzusehen, daß Glen Alps eines Tages Stadtteil der schnell wachsenden Metropole Anchorage sein würde. Also stieg Edmund ins Straßenausbesserungs- und Winterdienstgeschäft ein.

Seine Firma leitet er heute noch, doch der Ausstieg ist schon beschlossen. Bald wird die mehrstöckige Villa fertig sein, die sich Edmund in Sichtweite seines jetzigen Grundstückes als Altersruhesitz baut. Ein bißchen höher noch liegt sie als das alte Haus, noch weiträumiger wird der Blick über Anchorage sein. Sobald der Umzug überstanden sein wird, will er seine Firma verkaufen, will dann nur noch lesen, die kleine Wetterstation hinterm Haus betreiben und im Chugach State Park wandern. Hinunter in die laute, verkehrsreiche Stadt ist er nie gern gefahren. Nach seinem Rückzug aus dem Berufsleben wird er sich die halbstündige kurvenreiche und hektische Fahrt durch Alaskas einzige Metropole noch seltener zumuten. Dafür aber den stillen Blick darauf noch mehr genießen.