Manfred Köhler
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Mit Captain Schnee zum Gletschereis

Es ist noch nicht lange her, da bedeckte ein klebriger Ölteppich das Wasser, verschmierte die Strände und erstickte alles Leben. Inzwischen tummeln sich wieder Seeotter im klaren Meer, Fischer werfen darin ihre Netze aus, und die Umweltkatastrophe nach der Haverie des Öltankers Exxon Valdez, obwohl erst ein paar Jahre zurück, scheint wie eine Überlieferung aus ferner Vergangenheit.

Eigentlich geht es bei der Bootsfahrt von der Hafenstadt Valdez zum Prince William Sund nicht um Öl oder Umweltzerstörung - Ziel ist der Columbia-Gletscher. Aber Captain Randy Schnee will seinen Passagieren mehr bieten als ein Fahrtziel, mag es noch so spektakulär sein. Daher bereichert er das Pflichtprogramm mit viel Information und so manchem kleinen Abstecher.

Randy Schnee lebt genauso lang in Alaska, wie er zuvor in seinem Heimatstaat Washington verbrachte: 18 Jahre. In den Norden gekommen ist er wegen der grandiosen Natur, sein erstes Geld in der neuen Heimat verdiente er als Fischer. Elf Jahre hat es gedauert, bis er sich hochgearbeitet hatte vom einfachen Seemann zum Kapitän einer Schiffahrtsgesellschaft. Das Patent ist ihm nicht zu Kopf gestiegen. Auf der Brücke seines Schiffes verzichtet er auf die Kapitänsmütze, trägt statt Uniform mit Schulterstreifen ein Jeanshemd, steuert das Schiff mit links und konzentriert sich auf das, was ihm am meisten Spaß macht: Fremdenführer zu sein, sprudelnde Informationsquelle für die 42 Gletschertouristen an Bord.

Dieser Tag ist reich an Zusatzfreuden: Schon gleich nach dem Ablegen kommt Captain Schnee eine Gruppe Seeotter vors Fernglas, dann eine grüne Boje mit drei hellbraunen Seelöwen, die träge grunzend in der Sonne liegen und weitmäulig gähnen. Weißkopfseeadler schauen von hohen Fichten am Ufer streng zum Schiff herüber. Bei jeder Tiergruppe dreht Randy Schnee bei und erzählt von ihren Eigenarten. Als das Schiff endlich die Formenvielfalt des Gletschereisfeldes erreicht, geht ein Funkspruch von einem anderen Schiff ein: Wale voraus! Captain Schnee ändert den Kurs, läßt die Eisschollen wieder hinter sich und macht sich auf die Suche.

Die Touristen nehmen ganz unterschiedlich Anteil am Sonderprogramm Randy Schnees. Einige harren trotz eisigen Fahrtwindes während der fünfstündigen Passage auf dem Oberdeck aus, die meisten treiben sich unter Deck herum, plaudern mit der Crew, lassen sich mit Kaffee bewirten oder blättern in den Büchern der Schiffsbibliothek. Eine junge Frau hockt im Schneidersitz auf der Bank und legt gelangweilt Patiencen. Als der Captain aber Wal voraus meldet und den Motor abstellt, hängen alle an der Reling oder an den Fenstern.

Drei, viermal faucht die Atemgischt des Riesentieres aus dem Ozean, krümmt sich sein Buckel über den Wellen, richtet sich seine Schwanzflosse zum T auf und sinkt steil zurück ins Wasser. Dann wirft der Kapitän den Motor wieder an, wendet das Schiff und fährt zurück zu der dünnen, weißen, gezackten Linie über dem Ozean, die den Weg zum Gletscher weist.

Die Eisschollen, mit denen sich der Gletscher umringt, haben so viele Farbtöne wie der Gletscher selbst: von Weiß über leuchtend Hellblau bis schmutzig Grau. Glänzend und glasig-transparent wie eine Seifenblase ist der Eisbrocken, den Captain Schnee aus dem Meer fischen läßt, härter als normales Eis und wegen des hohen Drucks deutlich schwerer. Mit diesem Eisklumpen ist der Gletscher an Bord gekommen, wird umringt und bestaunt; es gibt nichts, was Randy Schnee darüber hinaus noch bieten könnte. Für die Rückfahrt nach Valdes kehrt wieder das lockere Kreuzfahrtleben ein.

Die Touristen haben Tiere beobachtet, sind vom Frosthauch des Gletschers umweht worden, haben sein Eis betastet; nun, da Captain Schnee seine Gäste die Schönheit und Größe der Natur hat begreifen lassen, nutzt er die Rückfahrt, von ihrer Verletzlichkeit zu sprechen. Als in der Bucht von Valdez der Gebäudekomplex näher rückt, in dem die Alaska-Pipeline endet, schildert Randy Schnee die Folgen des Exxon-Valdez-Ölteppichs so, wie er selbst sie damals erlebt hat. Die ferne, anonyme Umweltkatastrophe macht er zur lokalen Begebenheit, zu einem individuellen Unglück - und läßt es über eine Idylle hereinbrechen. Dann die Aufräumarbeiten, Handtuchspenden aus ganz Amerika, Reinigungsaktionen der Valdezer Bevölkerung. Die Gegenwart wirkt da wie ein Happy End: Die Idylle ist wiedergekehrt, die Bucht von Valdez hat sich noch einmal erholt.

Randy Schnee hat den Touristen an diesem Tag klar gemacht, was verloren gegangen wäre, hätte die Katastrophe die Regenerationskraft der Natur überfordert.