Manfred Köhler
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Der Nikolaus als Autoknacker

Manche Kinder schreiben ihre Briefe an den Nikolaus wirklich noch mit der Hand und haben ganz normale Wünsche wie Fahrrad, Bücher oder Schokolade. Manche erbitten nicht mal was für sich selbst, sie sehnen sich nach Frieden für alle Kinder, wünschen sich, daß ihre Eltern immer glücklich sind oder daß des Weihnachtsmannes Rentiere sich im Winter keinen Schnupfen holen. Manche Briefe sind nicht unterschrieben, manche völlig unleserlich, andere dafür umso gestochener - die der Computer-Kids. Auf sauber formatierten lasergedruckten Vierfarb-Briefbögen wünschen diese Kinder sich Roller Blades, einen Power Ranger oder den neuesten De Luxe Super Zeo Mega Zord.

Da muß selbst der Nikolaus grinsen. Keine Ahnung, ob das Ding in der Weihnachts-Werkstatt vorrätig ist. Zum Glück muß er auch nicht danach suchen. Seine Aufgabe ist es, die Eltern weihnachtlich zu stimmen, damit sie den Kleinen die Geschenke selber kaufen. Täglich nimmt er zu diesem Zweck Dutzende von Kindern auf den Knie, zuweilen auch mal die eine oder andere alte Dame, und läßt sich mit ihnen fotografieren. Wenn grad niemand Schlange steht vor seinem Thron, liest er die Briefe, die aus aller Welt bei ihm eintreffen, hier im Dauerweihnachtsladen Santa Claus House von North Pole bei Fairbanks. Der Weihnachtsmann nimmt einen tiefen Schluck von seiner Coke, lächelt lieb und erleichtert sich mit einem herzhaften Rülpser.

“Mein wirklicher Name?" Auf solche Fragen ist der Nikolaus vorbereitet. Verschmitzt zwinkernd zückt er einen Ausweis. Name: Kris Kringel. Geburtsort: Maryland. Alter: 45. Auf dem Paßbild: das Weihnachtsmann-Gesicht.

Er sieht ja auch wirklich so aus. Wie man sich den Weihnachtsmann vorstellt: wuchtige Statur, rosige Backen, Lachfältchen, warmes Lächeln, lautes und rollendes Lachen: Hohohohohohoho...

An diesem Tag hat er seine Mütze vergessen und die falsche Brille aufgesetzt. Fotografieren läßt er sich dennoch, bittet aber darum, am nächsten Tag nochmal wiederzukommen und die Aufnahmen zu wiederholen. Er würde sich dann auch neben das Rentier stellen.

Am nächsten Tag hat Kringel zwar die Mütze, aber der junge Mann mit dem Schlüssel zum Rentier-Gehege hat Urlaub. So kann Santa Claus sein Rentier nur durch den Drahtzaun streicheln. Doch der Weihnachtsstimmung, die dieser Mann verbreitet, schadet auch das häßliche Metallgitter nicht. Kris Kringel - oder wie immer er heißen mag - hat das Aussehen, die Güte, die Wärme, den Humor, die weihnachtliche Aura. Selbst die meisten Erwachsenen schauen andächtig. Die Kinder sind vor Ehrfurcht wie erstarrt.

In der Lebensgeschichte Kringels finden sich ein paar realistische Passagen, ansonsten hört sich die Story an wie ein Weihnachtsmärchen. Als junger Mann habe er mit seinem Truck Spielzeug in ganz Amerika geliefert. Von seinem Lohn habe er das Jahr über Geld abgezweigt, um zur Weihnacht Spielsachen für Amish-Kinder kaufen zu können. Dann habe er in Alabama ein paar Jahre allein im Wald gelebt und irgendwann, derweil der Bart so vor sich hinwuchs, seine verblüffende Ähnlichkeit mit Santa Claus entdeckt. Als die Kunde zu ihm drang, daß es in Alaska einen Ort namens North Pole gebe, dachte er sich: Dort werde ich bestimmt gebraucht!

Das Weihnachtswunderland North Pole hatte zwar schon einen Nikolaus-Darsteller; den geheimnisvollen Mann aus den Wäldern Alabamas aber wies man dennoch nicht ab. Seitdem ist Kris Kringel Santa Claus und Santa Claus ist Kris Kringel. Und weil Gott ihn so gemacht habe wie er sei, wolle er auch so sein, wie er gemacht wurde. So kauft Kris Kringel von seinem Verdienst als Kaufhaus-Weihnachtsmann viele Briefmarken und klebt sie auf die vielen Briefe, mit denen er in seiner Freizeit die Zuschriften der vielen Kinder aus aller Welt beantwortet.

Nicht nur für die Kleinen ist dieser Weihnachtsmann da, er hilft auch Erwachsenen, zum Beispiel wenn sie den Autoschlüssel verloren haben. Auf dem Parkplatz hinter dem Weihnachsladen. Die Autofahrer in ihren Shorts können es kaum glauben. Da kommt bei 30 Grad Hitze Kris Kringel in seiner fellbesetzten Weihnachtskluft daher, ein nervös gestikulierendes Ehepaar hinter sich und in der Hand ein langes silbernes Etwas. Gezielt sticht er die Drahtschlinge durch die Türisolierung des Autos und fischt nach dem Verschluß. Leider erfolglos. Kringel gibt auf und hilft lieber beim Schlüsselsuchen.

 

Nachtrag des Autors: Als Nicht-Amerikaner war mir der Name Kris Kringel damals in Alaska kein Begriff. Erst viel später erfuhr ich durch einen amerikanischen Weihnachtsfilm, daß Santa Claus der Legende nach in seiner ursprünglichen Existenz als Mensch Kris Kringel hieß, bevor er die Aufgabe als Weihnachtsmann übernahm.