Manfred Köhler
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Kettensägen-Kunst

Früher hat Jim mit seiner Kettensäge Redwood-Bäume in Nordkalifornien niedergemacht. In Alaska nutzt er sein jaulendes Werkzeug aufbauender. Aus Fichtenholz, das nicht der Mensch, sondern der Holzkäfer getötet hat, arbeitet der 40jährige gelernte Schreiner mit seiner Kettensäge die Formen von Bären heraus, von Weißkopfseeadlern, Pilzen und springenden Lachsen. Seine bis zu ein Meter großen Kunstwerke verkauft Jim dort, wo er sie anfertig: beim Kenai Grill am Seward Highway, direkt neben einem stillen hellblauen Gletschersee.

Jim, der Kettensägen-Künstler, vor allem ist er ein Lebenskünstler. Zwar hält er auf Disziplin mit dem täglichen Arbeitsbeginn: Morgen für Morgen wirft er die Kettensäge um Punkt acht Uhr an; sein Arbeitsrhythmus aber schwankt dann zwischen Phasen energischer Konzentration, wildem, kraftvollem Schaffen, daß die Späne fliegen - und langen Bierpausen am See, eingeschoben und ausgedehnt nach Lust und Laune. So will er leben, nach seiner inneren Uhr das Dasein genießen.

Daß er damit richtig liegt, zeigen seine Kunstwerke. Naturgetreu sind sie, und doch eigenwillig, trotz des groben Zerstörungswerkzeugs erstaunlich detailreich gearbeitet und liebevoll verfeinert. Das dunkle Braun der Grizzlybären trifft Jim mit weiterem brachialem Gerät: Die fertig ausgesägten Figuren röstet er mit dem Flammenwerfer und geht anschließend mit der Drahtbürste auf sie los.

Der Gesundheit ist Jim Thomas künstlerische Arbeit nicht unbedingt zuträglich. Weil Schutzbrillen bei der schweißtreibenden Arbeit beschlagen, kneift er seine Augen nur zusammen und setzt sie ansonsten ungeschützt den herumspritzenden Spänen aus. Die schwere, vibrierende Kettensäge ständig an ausgestreckten Armen auf Hüfthöhe zu halten, belastet den Rücken und beschert ihm ein schmerzhaft geschwollenes Überbein am Handgelenk.

Gedanken macht er sich darüber nicht. So gewissenhaft und zügig Jim seine Kunst fertigt, so wenig ist sie ihm Lebenszweck, und daher rechnet er gar nicht damit, sich über Jahre damit herumzuplagen. Angefangen hat er, weil er andere Holzkünstler mit der Kettensäge arbeiten sah und der Meinung war: Das kann ich auch! Was danach kommt, daran denkt er nur auf Nachfrage, denkt an die langen und eisigen Alaska-Winter, denkt daran, vielleicht nach Arizona zu gehen wenn es Herbst wird. Und dort irgendwas ganz anderes zu machen. Was - das will er sich erst überlegen, wenn es so weit sein wird. Schiebt die Zigarette in den Mundwinkel, packt sich eine seiner vier Kettensägen, schneidet und sticht damit auf einen Holzklotz ein. Und vergißt die Welt für die eine Stunde, bis ein Bär daraus hervorgegangen sein wird.