Manfred Köhler
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Sechs Stunden Andacht

Wer in dieses Dorf kommt, der geht nicht mit leeren Händen. Selbstgebackenes Brot, selbstgezogene Gurken, selbstgeräucherter Lachs - in Voznesenka geben die Menschen von den besten Dingen reichlich, auch Fremden, mit denen sie nur ein kurzes Gespräch geführt haben. Doch nicht allein die Tradition der russischen Gastfreundschaft pflegen die Bewohner dieses Dorfes in der Wildnis Süd-Alaskas - Alt-Rußland ist hier so lebendig, daß Besucher, die es noch aus vor-sowjetischen Zeiten kennen, fassungslos die Kulisse ihrer Jugend darin erkennen.

Zinaida ist in dieser Kulisse aufgewachsen. Die 26jährige kennt beide Lebensweisen ihrer Region: die zeitlose ihres Dorfes - und die des modernen Alaskas, die amerikanische. Nicht, daß sie gegen den American Way of Life etwas einzuwenden hätte, im Gegenteil: Regelmäßig übergeht sie die Verbote ihres Pfarrers, ißt im Restaurant der nahen Stadt, leiht sich dort Videofilme, zieht ihren Kindern auch schon mal Jeans und T-Shirts an. Meist aber steckt sie ihre Mädchen in die selbstgenähten Blümchenkleider, den Sohn in die typischen russischen Hemden, und ganz bewußt spricht sie mit ihren Kindern auch nur russisch; englisch lernen sie in der Schule noch früh genug.

Seit zweieinhalb Jahren muß Zinaida ihre drei Kinder allein versorgen. Ihr Mann ist bei einem Autounfall in Südamerika ums Leben gekommen. Als die beiden heirateten, war er 17, sie selbst war 15 Jahre alt - in Voznesenka geht die Lebensuhr nach einem anderen Takt. Gleichmut gegenüber dem Rhythmus der Gegenwart drückt sich auch im Kirchgang aus. Gottesdienst ist samstags von 18 bis 20 Uhr und zusätzlich jeden Sonntag von zwei Uhr nacht bis morgens um acht. Keine der 80 Familien des Dorfes würde es wagen, sich um die nächtliche Andacht zu drücken. Kirche und Arbeit, auf diesen Säulen ruht das Leben in Voznesenka.

Die Arbeit besteht hauptsächlich aus Fischfang. Für den ganzen Sommer reisen die Männer an einen entlegenen Ort an der Küste Alaskas und holen dort den Jahresbedarf an Fisch aus dem Meer. Die Frauen versorgen zu Hause die Gemüsegärten, backen Brot, kümmern sich um die Kinder. Die meisten haben, zumal es immer schwerer wird, vom Fischfang zu leben, nebenbei noch einen Job. Für die Witwe Zinaida ist dieser Job kein Zubrot, sondern Lebensunterhalt: Sie arbeitet für 25 Dollar pro Tag und Kind als Babysitter.

Nicht alle jungen Menschen hält es in Voznesenka. Von den vier Brüdern und sechs Schwestern Zinaidas leben drei Schwestern in Oregon. Die Abwanderung hat in den wenigsten Fällen mit Flucht vor der überlieferten Lebensweise zu tun, warum auch: Das moderne Amerika mit seinen Autos, Fernsehern, Waschmaschinen und sogar Faxgeräten hat sich längst Platz verschafft zwischen Ikonen und kunstvoll verzierten griechischen Bibeln. Kinder spielen nicht mit Holzpuppen, sondern mit Computern, turnen nicht in den Bäumen, sondern auf brandneuen Trampolins. Wenn junge Leute das Dorf verlassen, dann nicht, weil es etwas zu entbehren gäbe, sondern eher weil es zu eng wird: Mit sieben Kindern gelten Ehepaare in Voznesenka als Kleinfamilie.

Doch es gibt auch Fälle von Zuwanderung. Zinaidas Eltern, die Rußland 1945 verließen und über China, Brasilien und Oregon nach Voznesenka kamen, hatten jüngst Besuch aus der alten Heimat. Es kam die Tante Zinaidas, die Schwester ihrer Mutter. Zutiefst schockiert sei die alte Frau bei ihrer Ankunft gewesen: "Ihr habt ja immer noch die alten Sachen an!" Doch dann borgte sich die Besucherin von ihrer Schwester eins der traditionellen Kleider, trug es, fand Gefallen an dieser Dorfgemeinschaft mit Regeln, an die sie sich noch vage erinnern konnte. Als der Aufenthalt hätte zuende sein sollen, verlängerte Zinaidas Tante ihn auf Lebenszeit. Hier in Alaska war sie heimgekehrt in das Rußland ihrer Kindheit.