Manfred Köhler
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Zeugnisse von der eigenen Mutter

"Ihr dürft anders sein als die anderen, ihr könnt für euch selbst wählen, wie ihr leben wollt."

Es ist nicht so, daß die 15jährige Laura, die 13jährige Karen und der acht Jahre alte Mark diesen Satz ständig von ihrer Mutter zu hören bekämen. Ramona setzt den Inhalt ihres obersten Prinzips lieber im Alltag um, statt es den Kindern ständig einzubläuen.

Es sind so einige Lebensbereiche, in denen sich Ramona und ihr Mann Brad, beide 44, abgekoppelt haben von der Herde ihrer Nachbarn. Auch solche Bereiche, die weitreichende Folgen für andere Familienmitglieder haben: Obwohl ihr Haus gut erreichbar zwischen Glennallen und Copper Center liegt, hat das Ehepaar seine Kinder - wie es sein Recht sei in Alaska - von der Schule genommen. Den Unterricht erteilt die Mutter selbst, und auch die Benotung überläßt sie nicht, wie es möglich wäre, einem Lehrer.

Der Grund für diese Entscheidung reicht einige Zeit in die Vergangenheit zurück. Als die Familie 1981 von Minnesota über Australien nach Alaska kam, übernahm Ramona eine Stelle als Kindergarten-Lehrerin. Nach fünf Jahren kündigte sie, weil ihr unter den Lernzielen der Vorschulausbildung zuviele politische Aussagen vorkamen. Auch an den Schulen fand sie manches auszusetzen, zum Beispiel, daß schulfremde Gruppen über den Schulrat in der Lage seien, ihre Interessen durchzusetzen. Was Ramona aber am meisten störte: Die religiöse Erziehung kam ihrer Meinung nach zu kurz.

In der Heimschule Ramonas ist das morgendliche Gebet zum Unterrichtsbeginn eine Selbstverständlichkeit, ist die christliche Ausbildung ein maßgeblicher Schwerpunkt. Ansonsten behandelt sie die gleichen Fächer, wie sie die Kinder auch in der staatlichen Schule lernen müßten - Mathematik, Fremdsprachen, Kunsterziehung - und gibt ihnen den gleichen Arbeitsrhythmus vor: Schuljahr von September bis Mai, Schulwoche von Montag bis Freitag, Schultag von 8.30 Uhr bis zum Mittag. Zu den Hausaufgaben am Nachmittag überläßt sie ihre Mini-Schulklasse sich selbst. Ramona hilft dann ihrem Mann in seinem Immobilienmakler-Büro, bäckt Brot, versorgt den Hund oder kümmert sich um die Gäste der kleinen Frühstückspension, die sie nebenher betreibt.

Eine Arbeit wird nicht aufgeteilt: In den Wald zum Holzschlagen geht die Familie geschlossen. Ramona will ihren Kindern damit ein weiteres Leitprinzip vorleben, statt es ihnen vorzusagen. Es ist für sie genauso wichtig wie die Erziehung zur Individualität, auch und gerade weil es der Gegenpol dazu ist. Das Prinzip lautet: "Die Familie ist der Mittelpunkt des menschlichen Lebens."