Manfred Köhler
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Ausflugsziele

Eine Nacht auf dem Klo

Alles gewöhnt sich an die Strapazen, nur nicht das Gesäß. David und Marylyn aus Bradford in England haben die Welt umradelt: die britischen Inseln, Australien, Neuseeland, die Vereinigten Staaten - 26.000 Kilometer in eineinhalb Jahren. Jetzt erkämpfen sie sich ihren Weg von Anchorage durch Alaska und Kanada nach Montana, haben auf dem Alaska-Highway inzwischen 900 Kilometer zurückgelegt. Die Kondition reicht täglich leicht für 100 Kilometer, die tiefbraune Haut ist längst immun gegen Sonnenbrand, sehnige Muskeln bezwingen jeden Berg. Aber Tag für Tag sorgt nach wenigen Meilen immer noch und immer wieder der Fahrradsattel für immer die gleichen Schmerzen.

David und Marylyn, 44 und 45 Jahre alt, sind Aussteiger aus Anlaß. Nicht das Fernweh hat sie hinaus in die Welt getrieben, sondern Perspektivlosigkeit in der Heimat: Als die Kohlemine dicht machte, in der David sein Erwachsenenleben lang gearbeitet hatte, und als sich abzeichnete, daß ein neuer Job nicht zu bekommen sein würde, verkauften die beiden kurzerhand ihr Haus, erlösten damit eine üppige Reisekasse, überhörten, daß Freunde und Verwandte sie durchwegs für verrückt und verantwortungslos erklärten, und schwangen sich auf die Fahrräder.

Wie Weltreisende wirken Marylyn und David auch nach 27.000 Kilometern nicht. Trotz heißer Julisonne und bergiger Straße sind sie unverschwitzt und gepflegt wie Ausflügler, die Packtaschen der beiden Fahrräder sind unauffällig, kompakt und ordentlich gebündelt. Schlafsäcke, Zelt, Videokamera, Tagebuch, ein wenig Proviant und das Nötigste an Kleidung, mehr hat das Ehepaar nicht mit sich.

Ein paar Monate noch, dann wollen sie nach knapp zwei Jahren in die Heimat zurückkehren. Wie es weitergehen wird, darüber machen sie sich noch keine Gedanken. Ihren Optimismus, wieder Fuß fassen zu können im englischen Alltag, schöpfen sie aus der Leistung, die sie in der Fremde erbracht haben. David und Marylyn haben nur mit der Kraft ihrer Muskeln die Rocky Mountains überquert, haben auch etliche Gefahren überstanden. In Alaskas Glacier Bay Nationalpark mußten sie eine Nacht im Klohäuschen verbringen, weil sich bei ihrem Zelt zwei Grizzlybären niedergelassen hatten. Auf dem Fahrrad, so sagen sie, gibt es für sie nichts mehr zu erleben, gibt es keine konditionelle Herausforderung mehr. In diesem Bewußtsein wollen sie jetzt der Herausforderung gegenübertreten, vor der sie einst in die Welt hinaus geflohen sind.