Manfred Köhler
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Ausflugsziele

Peinliche Überraschung

Nicht stören!

Natürlich hält sich keiner an die Mahnung, reißt die Tür auf. Und wird angesprungen von peinlichem Entsetzen.

20 Touristen-Busse halten pro Tag an den Carcross Barracks, dem urigsten Andenkenladen des Städtchens Carcross, wenn nicht gar ganz Yukons. Kuchen, T-Shirts, Kunstwerke - was es hier zu kaufen gibt, schmeckt gut, ist hübsch und sicher auch recht nützlich, doch in den Laden kommen die Leute durchaus nicht deswegen.

Die Touristen betreten die beiden aneinandergebauten Blockhütten, weil sie vor Neugier gar nicht anders können, wenn sie erst mal die Außendekoration gesehen haben. Cowboy-Unterwäsche auf der Leine, eine Balldame im Silberfummel, ein Schild "Schneeschuhe draußen ausziehen" - die Details für sich sind nicht spektakulär, aber alles ist so liebevoll und einladend arrangiert, daß man davorsteht wie vor dem Eingangstor in einen Märchenpark. Und tatsächlich betritt man mit den Barracks auch ein zum Zauberreich verklärtes Goldrausch-Abenteuerland.

Jan hat sich selbst zu einer Figur ihrer Dekoration gemacht. Die Eigentümerin der Barracks tritt auf in der schwarzroten Uniform von Kanadas Mounted Police, die 1920 tatsächlich in den Hütten stationiert war. Aus dieser Zeit stammt auch die Gefängniszelle, in der sich die Touristen am laufenden Band gegenseitig fotografieren. Alle anderen Besichtigungsecken hat Jan willkürlich eingefügt: Omas hocken in Satinkleidern in Schaukelstühlen, eine kleine Nische mit Vorhang ist mit Spiegel und Schminksachen als Umkleideraum einer fiktiven Can-Can-Tänzerin gestaltet, Federboa und Kleid hängen über einem Stuhl. An der Tür eines anderen Raumes steht: Nicht stören!

Bei einer solchen Mahnung reißt einfach jeder Besucher der Carcross Barracks die Tür auf. Und sieht Opa pfeiferauchend auf dem Klo hocken, die langen Unterhosen in den Kniekehlen. Auch wenn man einiges erwartet in den Barracks, die Puppe ist so lebensecht, daß man die Tür erstmal peinlich berührt wieder zumacht, bevor man begreift.