Manfred Köhler
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Ein sicherer Hafen für
gestrandete Frauen

Joyce hat Schläge einstecken müssen, von denen sich manch andere Frau nie erholt hätte. Im Alter von 18 Jahren zog sie 1972 aus ihrem Heimatdorf auf Nunivak Island in die Großstadt Anchorage. Der Umzug war eine Art Flucht: Joyce war nicht mit dem Zerstörungswerk klargekommen, das der Alkohol in ihrer Gemeinde angerichtet hatte. Doch auch in ihrer neuen Heimat sollte sie vorerst in kein geregeltes Leben finden. Auf eine Großstadt wie Anchorage war das junge Eskimo-Mädchen nicht vorbereitet.

Fernsehgeräte hielt sie zu dieser Zeit noch für Schachteln, in denen winzige Menschen lebten und den ganzen Tag Theater spielten. Als die Hotelmiete ihr Erspartes aufgezehrt hatte, landete Joyce auf der Straße. Für sechs lange Jahre ging es tiefer und tiefer bergab - bis sich die Gestrandete schwor: Den ersten Mann, der mich heiratet und von der Straße holt, den nehme ich!

Es sollte ein Army-Soldat sein. Drei Kinder gingen aus der Verbindung hervor, insgesamt sechs Jahre verbrachte Joyce mit ihrem Mann in Deutschland. Dann zerbrach die Ehe. Drei Kinder und kein Mann - wieder stand Joyce, zurück in Anchorage, vor dem sozialen Abseits. Doch diesmal tat sich eine Notbrücke auf, die von Bestand sein sollte.

*

Als John 1964 in Fairbanks eine Moschusochsen-Farm gründete, hatte er zunächst ein reines Tierschutz-Projekt vor Augen. Die urzeitlichen Wiederkäuer waren in Alaska ausgerottet und erst 1930 in einer Stückzahl von 34 neu angesiedelt worden. Die Farm sollte ein Beitrag zu schnelleren Aufstockung des Bestandes sein. Das Projekt entwickelte sich in die geplante, aber auch noch in eine unvorhergesehene Richtung.

Bis zu drei Kilo Winterfell wirft jeder Moschusochse zu Frühlingsbeginn ab. Dieses Fell ist achtmal wärmer als Schafswolle und läßt sich zu 70 Prozent verspinnen. Die Schals und Mützen, die daraus gestrickt werden können, sind leicht, weich und langlebig und werden in Alaska gerne gekauft. John erweiterte seine Farm daher bald um Spinnerei und Strickerei, die jedoch, nach Vorbild des Zuchtprojektes, keine kommerziellen Betriebe sein sollten, sondern ebenfalls Hilfsprojekte.

Viele Eskimo-Frauen in den entlegenen Dörfern Alaskas leben heute noch weitgehend so wie früher: Sie sammeln Beeren, trocknen Fisch, flechten Körbe, kümmern sich um ihre Kinder. Für den Lebensunterhalt reichen die traditionellen Arbeiten heute, da die Zivilisation praktisch jedes Dorf erreicht und Bedürfnisse geweckt hat, nicht mehr aus; und sie beschäftigen die Frauen auch nicht das ganze Jahr über. Jobs aber, mit denen sie sich in ihrer Heimat ein bißchen Geld verdienen könnten, gibt es praktisch nicht.

In diesem Mangel fand John seine Aufgabe. Er lagerte 1969 die nötigen Arbeiten in die Dörfer aus, half damit den Frauen, gewann aber auch Schals und Mützen, die nicht einfach nur Strickprodukte waren, sondern echte Eskimo-Kunst. Der Erfolg der Idee machte bald Umstrukturierungen nötig. Spinnerei und Strickerei fanden unter dem Dach einer Genossenschaft namens "Oomingmak" zusammen und wurden ausgelagert. Die 250 Eskimo-Frauen, die heute für Oomingmak arbeiten, sind zugleich auch die Eigentümerinnen und am Gewinn beteiligt. Die Moschusochsenfarm, von der aus jährlich 300 bis 400 Kilo Fell an die Genossenschaft geliefert werden, fand einen dauerhaften Platz bei Palmer und wird heute von John Sohn Lansing geleitet.

*

Sitz der Genossenschaft und Verkaufsstelle ihrer Produkte ist ein kleines Haus in der Innenstadt von Anchorage. Acht der 250 Eskimo-Frauen haben hier einen festen Arbeitsplatz vor Ort gefunden - darunter auch Joyce. Nach den harten Jahren, die sie durchleiden mußte seit sie ihr Dorf verließ, hat sie hier endlich einen sicheren Hafen gefunden.

Kapitän dieses Hafens ist seit den Anfangstagen der Genossenschaft die gebürtige Schwedin Sigrun. Auch ihre Vergangenheit weist heftige Kurven auf, der Weg allerdings verlief auf der Sonnenseite des Lebens. Sigrun, 1942 in Stockholm geboren, studierte die Sprachen Deutsch, Englisch und Französisch. Um ihre Kenntnisse zu vertiefen, lebte sie über Jahre hinweg abwechselnd in Deutschland, der Schweiz, England und Amerika. In San Francisco lernte sie ihren Mann kennen, einen Architekten, und die beiden zogen berufsbedingt nach Alaska.

Zum Entsetzen ihrer wohlhabenden Eltern, lebten Sigrun und ihr Mann dort nicht in einem Haus, sondern in einer rohen Hütte mit Plumpsklo - 20 Minuten von Fairbanks entfernt im Urwald. Jahrelang verzichteten die jungen Leute freiwillig auf Strom und fließend Wasser. Erst als ihr erster Sohn geboren wurde, zogen sie in ein richtiges Haus. 1969 stieß Sigrun zum Moschusochsen-Projekt.

Viele Probleme habe das Leben in der Hütte mit sich gebracht, sagt Sigrun heute, aber auch viel Spaß. In dieser Zeit habe sie gelernt zu improvisieren. Und sie hat Einblick gewonnen, unter welch einfachen Bedingungen manche Menschen ihr Leben fristen. Durch diese Erfahrung sind ihr die Eskimo-Frauen ihrer Genossenschaft weit näher, als sie es als Angestellte normalerweise wären. Für Sigrun, die auf das Einkommen nicht unbedingt angewiesen ist, die mit der trotz allen Erfolges recht instabilen Genossenschaft außerdem mehr als genug Probleme hat, sind diese zurückhaltenden und bescheidenen Frauen sogar der einzige Grund, weiterhin jeden Tag ins Büro zu gehen.