Manfred Köhler
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Ausflugsziele

Erfolg ohne Komfort

Das Risiko war so groß, daß jede Bank den Kredit verweigerte. Betty aber hielt an ihrem Traum fest, am Ende der Welt ein eigenes Hotel zu betreiben. Sie bettelte sich durch die ganze Familie, investierte ihr Erspartes, belieh sogar noch das Erbe ihrer Eltern - und setzte damit alles aufs Spiel was sie hatte.

Betty war noch ein Baby, als ihre Eltern 1957 von Montana nach Anchorage zogen. In dieser Stadt wurde sie groß, ging dort zur Schule, arbeitete bis zu ihrem 30. Lebensjahr in einem Bekleidungsgeschäft. Dann zog sie von heute auf morgen von Alaskas größter Stadt in eines der kleinsten und abgelegensten Dörfer des Landes.

McCarthy am Fuß des Gebirgsmassivs Wrangell / St.-Elias war zu Zeiten des Kupfer-Abbaus in der benachbarten Minenstadt Kennicott eine Boomtown mit 800 Einwohnern. Als der Abbau 1938 eingestellt wurde, schrumpfte McCarthy zum Geisterdorf. Auch Ma Johnson's Hotel, einst das beste Haus am Platze, mußte schließen. Erst Jahrzehnte später zeichnete sich ab, daß Stadt und Hotel einen neuen Morgen erleben könnten. Alaska-Reisende hatten den soeben geschaffenen Nationalpark Wrangell / St.-Elias endteckt und kamen in immer größeren Gruppen auch nach McCarthy. Als Betty 1987 vom zagen Erblühen des nahezu ausgestorbenen Städtchens hörte, waren es gerade mal 5.000 Touristen jährlich.

Inzwischen machen pro Jahr 30.000 Besucher in McCarthy Station. Aus Ma Johnsons Hotel und der benachbarten Lodge, denen keine Bank eine Chance geben wollte, hat Betty eine Quelle des Wohlstandes gemacht - ohne langfristige Reservierung ist keines der 16 Zimmer zu haben. Dabei fehlt es in den winzigen Räumen auch an den bescheidensten Annehmlichkeiten. Ganz bewußt hat Betty die sechs alten und die zehn neu angebauten Zimmer des Hotels so belassen, wie der Gast von 1910 sie gewohnt war: Die Drahtgestell-Doppelbetten beanspruchen neun Zehntel der kargen Räume, Strom gibt es darin nicht, auch kein fließend Wasser und schon gar keine Toiletten. Des Touristen Sehnsucht nach der Pionierzeit war Betty Hicklings Trumpf-Ass im größten Poker ihres Lebens. Und die Karte stach.

Doch nur in Filmen hat das Happy End Bestand, für Betty haben sich die Dinge inzwischen geändert. Als Mutter eines Neugeborenen kann sie die Tage zählen, bis sie McCarthy verlassen muß, denn die nächste Schule ist rund 300 Kilometer entfernt. Ganz sicher allerdings ist ihre Rückkehr nach Anchorage noch nicht. Sollte der Touristenstrom weiter wachsen, könnte auch die Einwohnerzahl von McCarthy zunehmen. Vielleicht, so hofft Betty Hickling, wird ja dann auch eine Schule gebaut.