Manfred Köhler
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Deutsche Ehe auf kluanisch

Die Vermählung war typisch kluanisch: Braut und Bräutigam trugen Arbeitsoveralls, und der Hochzeitskuchen wurde mit der Kettensäge angeschnitten.

Dem heiteren Treiben folgte erst mal Ernüchterung. Weil ihr frischangetrauter Gatte Achim durchgehend in der Stadt zu arbeiten hatte, mußte das Kölner Großstadtkind Karin den ersten Winter allein in dem winzigen Örtchen Burwash Landing am Kluane Lake in Yukon verbringen - und das bedeutete acht Monate Krachkälte und Tage so dunkel, daß sie kaum von der Nacht zu unterscheiden sind.

Zu allem Überfluß war die Braut auch noch ohne Wintersachen in ihrer neuen Heimat eingetroffen. Doch dadurch erschloß sich ihr gleich die Freundlichkeit ihrer Nachbarn: Jeder im Ort gab irgendein Kleidungsstück, bis sie eine hinreichende Winterausrüstung zusammen hatte.

Die deutsche Eheschließung unter kluanischem Himmel hat eine lange Vorgeschichte. Im Alter von elf Jahren floh der gebürtige Erfurter Achim in einem Güterzug aus der DDR. Mit der Deutschen Handelsmarine und später auch unter ausländischer Flagge befuhr er die Meere, ließ sich schließlich in Ontario nieder, gründete eine Fallschirmspringerschule, schloß sie wieder, arbeitete in Raffinerien und Kraftwerken, befaßte sich mit Holz, erfand schließlich ein neues Verfahren zur künstlerischen Bearbeitung von wasserkopfartigen Auftreibungen an Fichtenstämmen, den sogenannten Burls. Mit diesem Prinzip, das er Woodshaping nennt, machte er sich in Burwash Landing selbständig. Seitdem fertigt er Schalen, Kerzenständer und allerlei andere nützliche Dinge aus dem aufgeblähten Holz und verkauft sie im eigenen Geschäft am Alaska Highway. Über mögliche Ursachen der Verkrüppelung und das, was sich dank ihr alles mit dem Holz anstellen läßt, hat Achim sogar ein Buch geschrieben.

Seine heutige Frau Karin kam eines Tages als Mitglied einer Kölner Reisegruppe in den Laden. Seinetwegen machte sie noch siebenmal Urlaub in Burwash Landing - bis sie dann ganz zu ihm zog.

Gemeinsam haben die beiden das Knorpelbaum-Geschäft so richtig aufgezogen. Während Karin die Kunden im Laden betreut, sorgt Achim in der Werkstatt für Nachschub. Und das geht inzwischen schon nicht mehr schnell genug angesichts der großen Nachfrage: Obwohl Achim im Winter vorgearbeitet hatte, sind Mitte des Sommers die besten Stücke schon ausverkauft.