Manfred Köhler
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Biß ins Pferde-Ohr

"Cowboy ist man im Herzen. Es hat nichts mit dem zu tun, was man im Augenblick gerade tut, sondern damit, was man im Innersten fühlt."

Tod streicht im Augenblick gerade einen Flugzeug-Hangar mit himmelblauer Farbe. Der 30jährige ist weit entfernt von Wyoming, dem Land, in dem er die meiste Zeit seine Lebens als Cowboy und Farmer gearbeitet hat. Vor zwei Jahren hat es ihn nach Alaska verschlagen, nach Anchorage schließlich, wo er derzeit als Autoschlosser jobt, an diesem Tag aber seinem Bekannten Vern hilft, dessen Sportflugzeug-Hangar mit frischer Farbe aufzupeppen.

Zur Hand geht ihm dabei Jim, ebenfalls kein gelernter Maler. Richter ist er zuletzt gewesen, 14 Jahre lang. Vor einigen Monaten hat der 45jährige den Dienst quittiert, um sich klar darüber zu werden, ob er künftig weiter die Robe tragen will, oder wieder, wie in seinen Anfangstagen, als Rechtsanwalt selbständig sein. Die Zeit, bis die Entscheidung gefallen sein wird, überbrückt er als rechte Hand seines Kumpels Vern. Nicht nur bei groben Arbeiten wie dem Hangarstreichen packt er mit an, auch in geschäftlichen Dingen steht er Vern und dessen Unternehmen "Vernair" zur Seite, vor allem im Bereich Werbung.

Denn Werbung ist alles in Verns Geschäft. Sein Hangar mit den beiden Maschinen, die er besitzt, liegt am Rande des Merrill Field Sportflugplatzes, der mit 900 hier geparkten Privatfliegern als der größte der Welt gilt. Um sich unter den vielen anderen Kleinunternehmen zu behaupten, die ebenfalls Flüge zum Mount McKinley und anderen Sehenswürdigkeiten Alaskas anbieten, krempelt Vern derzeit seinen ganzen Hangar um: frische Farbe, neue und größere Büroräume, eine Empfangshalle, in der die Touristen auf ihren Flug warten und sich über "Vernair" informieren können.

Vern, ein Quereinsteiger: geboren in Mississippi, mit 21 zur Army, mit 37 nach Anchorage versetzt, mit 42 ausgeschieden, um als Mechaniker mehr Geld zu verdienen. Dann die Fluglizenz gemacht und damit die wahre Bestimmung entdeckt. Vern will Alaska-Besuchern zeigen, wie schön das Land ist. Auch wenn er mit 65 inzwischen doppelt so alt ist wie sein ältestes Flugzeug, jetzt geht’s erst richtig los, denn: "Meine Arbeit ist für mich wie Urlaub."

Irgendwie ist ja auch für Jim die Arbeit bei Vern wie Urlaub. Im Freien sein, das mag er. Im Büro sitzt er nicht so gern. Deshalb hat er auch, als er nach seinem Jura-Studium in Indiana im Alter von 27 Jahren nach Alaska kam, zunächst nicht als Rechtsanwalt gearbeitet, sondern als Maschinist. Erst als er die Möglichkeit bekam, in einem Eskimo-Dorf abseits in der Wildnis zu praktizieren, stieg er in seinen Beruf ein. Und nur weil seine Frau, eine Ärztin, die er im Busch kennengelernt hatte, eine Stelle in Anchorage annahm, hat er die Wildnis wieder verlassen.

Auch Tod hat mal abseits von Alaskas Straßen und Städten gearbeitet. Unweit vom Denali Nationalpark war er Führer für Pferde-Ausritte für die "Alaskan Trail Rides Inc." seines Bekannten Dean. In Alaska hat Tod schon als Truck-Fahrer, als Fischer in der Beringsee und als Mechaniker gearbeitet. Der Job mit den Pferden aber war der beste. Tod konnte reiten, bevor er laufen lernte. Pferde sind ihm die besten Freunde. Über die Ohren steuert er sie: Sie dort zu streicheln, sei ihnen die schönste Belohnung, sie hineinzubeißen die größte Strafe. Einmal habe er in Wyoming einen Gaul zugeritten, der sei so bockig gewesen, daß keiner ihn haben wollte. Tod nahm ihn, bändigte ihn. Einmal sei er bei eisiger Kälte im Sattel eingeschlafen und wäre wohl erfroren, hätte dieses als bösartig verrufene Pferd ihn nicht geweckt. Das war Tods schönstes Erlebnis.

Das Weiß des Hangars verschwindet unter frischem Himmelblau. Es ist Verns Traum, der da Gestalt annimmt. Jim hilft ihm dabei, solange er sich noch nicht klar ist, was er selbst vom Leben erhofft. Tod liegt genau dazwischen. Er hat Traum und Lebensziel klar unterschieden, ist aber von beidem noch weit entfernt. Auf sein Ziel, in Alaska eine eigene Ranch aufzubauen, spart er; auf seinen Traum kann er nicht hinarbeiten, da wartet er auf ein inneres Signal. Bis der Cowboy, der er im Herzen ist, ihm sagt: "Hey, jetzt ist es so weit. Sattle deine Pferde und reite los." Dann wird Tod die Sporen wieder anlegen und von Alaska bis runter nach Florida reiten. Dann wird das, was er im Innersten fühlt, wieder das sein, was er im Augenblick gerade tut.