Manfred Köhler
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Bowling-Bahn auf Reisen

Beim ersten Versuch wäre das Haus fast umgekippt. Einer der T-Träger hatte nachgegeben, als der Lader anhob, und das Gebäude geriet dabei ins Straucheln. Bis zum nächsten Anlauf muß das Haus halb über eine der Hauptstraßen ragend stehen bleiben - mitten in der Altstadt von Seward. Zum Entsetzen der Polizei: Der Unabhängigkeitstag steht bevor, und da die Parade in Seward als die größte der Vereinigten Staaten gilt, strömen gewöhnlich Tausende von Besuchern in die Stadt.

Daß ganze Gebäude versetzt werden, ist in Amerika nichts Ungewöhnliches. Was da in Seward auf Reisen gehen soll, ist allerdings kein Haus wie jedes andere - der 1918 errichtete Flachbau ist die bekannteste Bowling-Bahn Alaskas. Seit 1964 finden hier die Landesmeisterschaften statt. Kein Wunder also, daß sich Widerstand regte, als die Bowling-Bahn abgerissen werden sollte, um einem neuen Hotel Platz zu machen.

Der bisherige Besitzer hatte weder das Geld noch die nötigen Fachkenntnisse, sein Eigentum zu retten. Alec aber hat beides. Der 32jährige Unternehmer baut mit seiner Firma Stahlhäuser in ganz Alaska und hat schon mehrere Gebäude bewegt. Allerdings noch keines, das 33 Meter lang, 140 Tonnen schwer und 80 Jahre alt war. "Das könnte das älteste und größte Haus sein, das in Amerika je versetzt wurde", dachte sich Branson - und nahm die Herausforderung an.

20 Handwerker arbeiteten einen Monat lang, um die Bowling-Bahn auf Räder zu setzen. Mit Kettensägen wurde zunächst das Dach abgetrennt und schon mal abtransportiert zum neuen Standort acht Kilometer entfernt am anderen Ende der Stadt. Bis auf Bowling-Bahn, Bar, Treppe und ein paar Stühle wurde auch die Einrichtung vorausgeschickt. Dann fixierten die Arbeiter die Wände mit Stahlseilen, lösten das Haus mit Preßlufthämmern von seinem Fundament, schoben Gummischläuche unter die Wände, pumpten sie auf und lifteten das Gebäude damit hoch genug, um Stahlrohre darunter schieben zu können. Auf diesen Rohren wurde das Haus  von seinem bisherigen Platz bis in die Mitte der Straße gerollt, wo es dann vor einen Truck gekoppelt werden soll.

Was am neuen Standort mit dem Haus passieren soll, dafür sind die Pläne längst ausgearbeitet. Alec hat seinen 33jährigen Kumpel Lark zum künftigen Manager der Bowling-Bahn gemacht. Unter dessen Leitung soll zwischen das jetzige Haus und das Dach noch ein Stockwerk eingezogen und als Motel eingerichtet werden. An der mit Holz verkleideten Vorderfront soll dann der Name "Dreamland" prangen und ausdrücken, daß mit der Versetzung des Gebäudes ein Traum wahr geworden ist. Schon in drei Monaten soll in Dreamland wieder gebowlt werden.

Verwüstet wie das Haus derzeit im Innern aussieht, können Alec Branson und Lark Napir bis dahin keinen Augenblick verschnaufen. Doch vor Renovierung, Anbau und Wiedereröffnung steht den beiden erst mal noch der haarigste Teil des Unternehmens bevor: Das zwölf Meter breite Haus muß acht Kilometer weit durch die engen Straßen der Touristenstadt gezogen werden.

"Könnte knapp werden", sagt Alec beiläufig. Natürlich ist er den geplanten Weg mehrfach abgefahren und hat die Engpässe vermessen. Ansonsten verläßt er sich auf sein Glück. Am Unabhängigkeitstag war es ihm ja auch treu: Obwohl die 6.000-Einwohner-Stadt mit 20.000 Parade-Zuschauern - in Seward selbst sprach man von 80.000 - den größten Besucheransturm seiner Geschichte erlebte, blieben größere Pannen infolge der blockierten Hauptstraße aus. Die Zeitungen berichteten zwar davon, daß nach kurzer Zeit schon das Bier aus war, daß die Restaurants leergefuttert waren und schließen mußten, daß man sich kaum retten konnte vor Müll und daß die Gäste sich über die an diesem Tag willkürlich in die Höhe geschraubten Preise beschwerten. Das auf der Hauptstraße geparkte Haus aber tauchte in der Liste der Ärgernisse nicht auf.